SPIEGEL ONLINE | 30.07.2011 | Direktlink

Kolumne: Wlada in Russland

Ich habe einen russischen Namen und einen russischen Pass. Aber nach zwölf Jahren in Deutschland ist mein Geburtsland für mich fernes Ausland, dessen Sprache ich zufällig spreche. Die Kolumne über eine Reise in eine unbekannte Heimat.
Natur nahe Murmansk credit: Wlada Kolosowa
Natur nahe Murmansk credit: Wlada Kolosowa

MURMANSK: Junge Frau, darf ich an Ihnen saugen?

Die Augen des Bärtigen scannen mich von Kopf bis Fuß. Ich glaube, er überlegt, in welcher Sprache er mich ansprechen soll. Ich habe einen riesigen Rucksack auf den Schultern: Das würde keine Russin tun. Dazu trage ich bei neun Grad ein kurzes Kleid: Das würde keine Ausländerin machen. Ballerinas an den Füßen: Ausländerin. Blaue Kulleraugen: Russin. Keine Wimperntusche: Ausländerin. Dunkelblonder Pferdeschwanz: Russin. Vermutlich entscheidet die vierstöckige Buttercrémetorte in meiner Hand – hier ein übliches Gastgeschenk, aber nichts für ausländische Mägen. Der Autofahrer sagt auf Russisch: “Junge Frau, darf ich an Ihnen saugen?”

Ich bin so baff, dass ich vergesse, Angst zu bekommen. Und wenn ich darüber nachdenke, ist seine Frage durchaus berechtigt: Ich rieche wie eine Bar und aus meinem Rucksack tropft Hochprozentiges. Die Whiskeyflasche und das deutsche Bier – ebenfalls Gastgeschenke – überlebten den Transport von “Rossiya Airlines” nicht.

Bekleidet mit meiner einzigen trockenen Klamotte, friere ich am leeren Taxistand am Murmansker Flughafen. Es ist 3 Uhr morgens, aber taghell: Die Sonne geht hier von Mitte Mai bis Mitte Juli nicht unter. Murmansk ist die größte arktische Stadt und einer der nördlichsten Siedlungen Russlands. Es ist die zweite Station meiner Reise.

“War nur ein Spaß. Bin ja am Steuer.” Der Bärtige hat viele Lachfältchen um die Augen und ein Buch des Philosophen Slavoj Žižek auf dem Beifahrersitz. Ich nenne die Adresse, schmeiße den Whiskey-marinierten Rucksack auf die Rückbank, wickele mich in die Decke aus seinem Kofferraum und fange an, meine Geschichte zu erzählen.

Damit breche ich alle Regeln gleichzeitig, die mein russischer Vater noch vor wenigen Stunden diktierte: Fremden misstrauen. Nicht Lächeln. Auf keinen Fall die Wahrheit über meine Reise erzählen. Die Menschen hier würden das nicht verstehen.

Vermutlich hat mein Vater Recht: Ich habe das Gefühl, dass ich die einzige Russin bin, die Russland bereisen möchte. Muttersprachige Reiseliteratur ist dürftig, selbst die heimischen Foren empfehlen den Lonely Planet.

Wenn ich meinen deutschen Freunden erzähle, dass ich durch mein Heimatland backpacken will, klopfen sie mir anerkennend auf die Schultern. Die meisten Russen klopfen sich an den Schädel, als Zeichen dafür, wie hohl meine Birne ist. Mein Vater klopfte sich zuerst an seinen Kopf und dann an meinen. Dann fragte er, ob er mich davon abbringen kann, wenn er mir eine Reise durch Laos und Kambodscha bezahlt.

Konnte er nicht. Nach dem Studium wollte ich endlich das Land kennenlernen, in dem ich geboren worden war und die Hälfte meines Lebens verbracht hatte. Russland stellt zwar meinen Pass aus, ist für mich aber fernes Ausland, dessen Sprache ich zufällig spreche.

Meine Mutter und ich wohnen seit zwölf Jahren in Deutschland. In Russland kenne ich nur vier Städte: Nikel und Schtschokino, in denen ich als Kind wohnte, Sotschi, wo wir immer Ferien machten, und St. Petersburg – wo ich geboren wurde und wo mein Vater und meine Oma leben. Dort besuche ich sie einmal im Jahr für ein, zwei Wochen.

Diesmal ist St. Petersburg aber nur meine Startstation. Mein Vater hat mich vom Flughafen geholt und mich drei Tage später wieder dort abgeladen, vollgepackt mit Überlebensratschlägen und Omas Sirniki – eine Art Quarkkeulchen.

“Mit dem Rucksack durch Russland!”, stöhnte mein Vater zum Abschied. “Pah! Du schaffst es nicht einmal zu deiner zweiten Station! Du kannst dich nicht vordrängeln! Du kannst nicht brüllen! Du kannst nicht schmieren!”, schrie er.

Seine Sorgen sind ein bisschen berechtigt: Ich habe den Flieger nach Murmansk verpasst. Weil ich mich nicht anstellen könne, sagt mein Vater. Die Frau am Schalter fand mich nicht und schickte uns zur Kasse, die uns zur Information schickte, die uns zurück zum Check-in-Schalter schickte, der uns wieder zur Kasse schickte.

Jedes Mal stellte ich mich hinten an. Mein Vater packte mich und schob mich direkt zum Anfang der Schlange. Er installierte seine 100 kg Körpermasse zwischen mir und dem passwedelnden Mob und hielt mit ausgestreckten Armen die Position. Ich zeichnete währenddessen meine Bestätigungsnummer mit dem Zeigefinger in der Luft – denn vor Aufregung und Scham brachte ich russische, deutsche und englische Buchstabennamen durcheinander.

Die Dame an der Kasse blieb unbeeindruckt: “Der Flug ist in drei Minuten weg. Schaffen sie eh nicht mehr”, sagte sie teilnahmslos. “Beschwerden an die Zentrale.” Erst als mein Vater sie anschrie, reservierte sie mir den morgigen Flug. Mein Vater brüllte noch ein bisschen mehr, damit sie mich auf den letzten heutigen Flug buchte, dessen Check-in seit zehn Minuten vorbei war. Es klappte. Zu meiner größten Verwunderung.

Danach bot mein Vater mir noch einmal die Asienreise an. Ich lehnte erneut ab. Diesmal aber nicht ganz so überzeugt. Dass man mit Lautstärke nicht weiterkommt, habe ich seit dem Konfliktmanagementkurs in der siebten Klasse verinnerlicht.

Ich glaube an Schlangestehen und elektronische Tickets. Ich trinke Wasser aus der Leitung, was kein Russe tun würde. Ich lerne gern Menschen auf der Straße kennen. Bisher hat die Welt ganz gut nach diesen Spielregeln funktioniert. Kriege ich es hin, neue zu lernen?

Ich fühle mich so deutsch, dass ich manchmal meinen russischen Pass vergesse. Nur wenn ich mich vorstelle, werde ich an meine Herkunft erinnert – weil ich jedes Mal erklären muss, woher mein Name stammt und wie man ihn schreibt.

Als ich nach Deutschland kam, tat ich alles, um zu vergessen, wo ich herkomme. Mit zwölf macht es keinen Spaß, anders zu sein. Ich hätte die rechte Hand für einen Nachnamen gegeben, den ich nicht bei jeder Gelegenheit fünfmal buchstabieren muss, und die linke für irgendeine deutsche Stadt als Geburtsort, egal welche, von mir aus auch Bottrop.

Auch später versuchte ich zu vertuschen, dass ich meine ersten Jahre in einem anderen Land verbracht habe. Ich las dreimal “Generation Golf”, weil ich glaubte, dass ich so etwas über die deutsche Kindheit lernen könnte. Ich schrieb Karteikarten, damit ich mitreden kann. “Capri-Sonne”, stand drauf, “Mini-Playback-Show”, “Wicki und die starken Männer”. Ich habe sogar einmal in meinem Leben “Wetten, dass…?” angeschaut und mir Stichpunkte gemacht.

Erst heute ist das Anderssein zu einem Wert geworden. Was früher Stigma war, ist heute Alleinstellungsmerkmal.

Die Jahre der Verleugnung gingen trotzdem nicht spurlos vorbei. Meine russische Entwicklung ist mit zwölf stehengeblieben. Ich kann nicht knurren, wie mein russischer Vater. Ich wurde erwachsen, mein Wortschatz nicht. Wenn ich mit meiner Mama auf Russisch rede, bleibt Lohnsteuererklärung Lohnsteuererklärung, Versicherung Versicherung, Pille Pille. Ich liebe russische klassische Literatur, kann aber noch nicht einmal eine E-Mail mit russischen Buchstaben schreiben – auf der kyrillischen Tastatur verirren sich meine Finger.

Zumindest meine Menschenkenntnis funktioniert noch. Der bärtige Sascha raubt mich nicht aus, sondern schleppt sogar meinen Rucksack zur Wohnungstür von meiner Murmansker Gastgeberin Nastja. Wir kennen einander nicht, meine einzige russische Freundin Anja hat mich an sie vermittelt. Nastja hat schon den Tee aufgesetzt und die Blini – russische Pfannkuchen – warm gemacht. Obwohl es mitten in der Nacht ist, blieb sie auf, um mich zu empfangen.

Sie umarmt mich, ich bringe den üblichen Vorstellungsspruch: “Hi. Ich bin Wlada. Wie das russische Auto Lada, bloß mit W vorne dran.” Dann fällt mir ein: Hier muss ich das niemandem erklären.

VON SOTSCHI nach ODESSA: “Wer stirbt hier gerade?”

credit: Wlada Kolosowa
credit: Wlada Kolosowa

Der Schaffner hämmert an die Tür meines Zugabteils. Er fragt, wer hier gerade sterbe – es höre sich so furchteinflößend an. “Nur ich”, winsele ich und übergebe mich zum 16. Mal. Ich fahre von Sotschi nach Odessa in der Ukraine – eine Fahrt, die 44 Stunden dauert. Drei davon habe ich bereits mit dem Kopf in einer Plastiktüte verbracht. Ich habe eine Lebensmittelvergiftung. Oder eine Magendarmgrippe. Vielleicht auch Ehec. Oder alles zusammen.

In Sotschi war die Welt noch in Ordnung. Ich kaufte auf dem Markt Essen für die Fahrt, aß Wassermelone und frühstückte mit meinen Gastgebern. Dieses Frühstück erlebe ich gerade noch mal in umgekehrter Reihenfolge. Ich bin ein einziger Output. Die Wassermelone kommt aus mir heraus wie aus einem kaputten Getränkeautomaten. Ich bin mir sicher: Ich komme nie in Odessa an. Der Schaffner hat Mitleid: “Soll ich Ihnen etwas holen?”

Mama, will ich sagen. Wenn das nicht geht, bitte einen Rettungshubschrauber. “Wasser”, sage ich. “Aber Abgepacktes!” Diese Vorsichtsmaßnahme kommt wohl verspätet. Bisher stürzte ich mich furchtlos auf die russische Küche. Leitungswasser abkochen? Papperlapapp! Frittierte Piroggi, die Omas am Strand verkaufen? Her damit! Hering unter Pelzmantel? Ich kann das. Ich habe einen russischen Magen.

Das Einzige, was mein Magen nicht kann, und nie können wird ist “Borjomi”. Das Mineralwasser wurde in der Sowjetunion “Georgisches Vichy” genannt und soll so ziemlich jedes Wehwehchen heilen. Vom Geschmack erinnert es an eine kohlensäurehaltige Suppe aus einer hässlichen Mineralienlampe, gewürzt mit einem halben Kilo Backpulver. Auch nach drei Tagen in der Wüste könnte ich es nicht trinken. Borjomi schmeckt wie ein Thermalbecken.

Borjomi ist das einzige Wasser, das der Schaffner anzubieten hat. Bis zum nächsten Halt dauert es noch zwei Stunden. Ich trinke warmes Borjomi. Ich übergebe mich. Ich bin ein mineralhaltiger Geysir.

Dann, die Rettung: Der Schaffner kommt mit einem Glas stillen Wasser. Es schmeckt rostig und abgestanden, aber das ist egal. Ich stürze es hinunter und frage, wo er das her hat. Der Schaffner zeigt mir eine verbeulte Plastikflasche mit einem verblichenen Cola-Etikett. “Wird dir guttun. Es ist heiliges Wasser, das habe ich an Ostern in der Kirche segnen lassen.”

Zwei Stunden später steigt ein tiefgebräunter Bursche in mein Abteil. Er hat ein quadratisches Kreuz und ein rundes Gesicht. Alles an ihm strotzt vor Kraft, Lebensfreude und Gesundheit. “Blut mit Milch”, sagt man in Russland dazu. “Was ist denn mit dir los? Hast du dich gestern zu gut erholt?”, fragt er und schnippt sich mit den Fingern gegen den Hals – in Russland ein Zeichen für Alkohol. Erholen – otdichat – ist eines dieser russischen Wörter, das je nach Kontext alles heißen kann: Vom Waldspaziergang bis zum Saufgelage. “Ich sterbe bloß ein bisschen”, sage ich und kotze zur Veranschaulichung heiliges Wasser.

“Boris Borisowitsch”, stellt er sich vor. Ich bin überrascht über so viel Formalität – wir sind ungefähr gleich alt, und außerdem hat er gerade mein Innerstes gesehen. Ich tue es ihm aber gleich und stelle mich mit Vatersnamen vor: “Wladislawa Wladislawowna”. Boris arbeitet beim Rettungsdienst und macht am Schwarzen Meer Urlaub. Er treibt bei unseren Nachbarn eine Flasche stilles Wasser auf und eine Handvoll Medikamente, von denen ich kein einziges kenne. “Fieber?”, fragt er und plaziert seine Lippen an meine Stirn. Keine Anmache, sondern so misst man in Russland Fieber. Außerdem glaube ich kaum, dass er Interesse hat, einen Kotzvulkan zu küssen.

“Trink!” Boris hält mir eine seltsame weißliche Suspension vor die Nase und eine schwarze Pille. Ich habe keine Ahnung, was das ist und was es mit mir macht. Ich drehe den Kopf weg. “Na los, du bist nicht fünf Jahre alt”, sagt er. Um ihm das Gegenteil zu beweisen, fange ich an zu weinen. Ich habe kein Handynetz, keine Würde, keine Verbindung zu Mama oder zu Google und lasse mir unbekannte Medikamente von einem unbekannten Muskelprotz einflößen. Ich will nach Hause, wo auch immer das ist: In meiner WG in Berlin, bei Mama in Ulm, bei Papa in St. Petersburg oder überall dort, wo ich Zugang zum Internet habe.

In Rostow am Don halten wir an. Boris fragt, wie man meinen Zustand in Deutschland behandeln würde. Ich versuche, ihm das Konzept der Salzstangen zu erklären. “Kapiert!”, sagt er und bringt 15 Minuten später einen Nachschub an Kotztüten und ein Päckchen Suchariki – getrocknete Brotwürfel, die es in Russland in hunderten Sorten gibt. Boris hat sich für die Geschmacksrichtung “Sülze mit Meerrettich” entschieden.

Es wird dunkel. Ich erzähle Boris von meinem Freund, er mir von seiner Ehefrau. Dann bringt er mir russischen Slang bei: “Das Gehirn pudern” – jemanden in die Irre führen. “Mädchen kleben” – Frauen anbaggern. “Sich wursten” – exzessiv feiern oder unter Drogeneinfluss stehen oder Entzugserscheinungen haben. Ich lache so sehr, dass ich mich wieder übergeben muss. Ich habe soeben einen Witz verstanden, den mir meine russische Freundin Anja vor einem halben Jahr erzählte: “Was macht ein Schwein in einer Fleischfabrik? Es wurstet sich.”

Sechs Tüten später hören wir die Band Beach House, bis mein MP3-Player stirbt. Danach hören wir Radio, aus dem furchtbare russische und ukrainische Popsongs dröhnen. Boris summt mit und fragt mich bei jedem neuen: “Kennst Du den?” Ich kenne keine einzigen.

Als das Radio abgestellt wird, singen wir Kinderlieder. Kinderlieder kenn ich. Als Refrain wimmere ich vor mich hin, Boris streicht mir mit seiner Schmirgelpapierhand über die Stirn, als würde er sie abschleifen wollen. Ich wehre mich nicht. Unsere Leben haben absolut nichts gemeinsam, außer der Nummer des Zugabteils. Und trotzdem fühle ich mich verstanden und gut aufgehoben. Wir stimmen ein Kinderlied über orangene Sonnen an, unter der orangene Mamas und orangene Kinder orangene Lieder singen. Ich frage mich, ob sowjetische Liedermacher synästhetische LSD-Erfahrungen hatten, dann schlafe ich ein und träume wirre Träume über ukrainische Grenzkontrollen und Kaviar aus der Tschukotka.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist Boris nicht mehr da. In seiner Koje liegt eine dicke Frau und löst Kreuzworträtsel. “Die Heimatstadt der Beatles, neun Buchstaben?”, fragt sie anstatt eines Guten Morgens. “Liverpool?”, sage ich. “Wo ist Boris Borisovitsch?” “Welcher Boris Borisovitsch? Ich bin Alexandra Alexeewna. Ihr Nachbar musste an der Grenze aussteigen, weil er illegal sechs Kilo Kaviar einführen wollte.” Ich wundere mich über nichts mehr.

“Hier, er hat Ihnen auch ein Geschenk hinterlassen”, sagt Alexandra und reicht mir eine Plastiktüte. Darin ist keine Adresse, keine Visitenkarte. Nur weitere Plastiktüten. Ich habe noch 18 Stunden zu fahren.

Odessa

credit: David Grigoryan
credit: David Grigoryan

Früher dachte ich: Je mehr nackte Haut, desto weniger kulturelle Unterschiede. Aber auch am Strand werde ich als Ausländerin erkannt. Keine fremden Klamottenmarken könnten mich verraten, kein Rucksack. Ich lese Gogols “Tote Seelen” – auf Russisch. Und trotzdem ständig diese Frage: “Aber wo kommst Du eigentlich her?”

Es ist der Gesichtsausdruck. “Du läufst mit weit aufgerissenen Augen durch die Straßen”, sagt meine Gastgeberin Aniri. “Würdest Du hier länger leben, Du würdest lernen, sie skeptisch zusammenzukneifen.” Aniri bezeichnet meinen Gesichtsausdruck als “zutrauliche Weltneugier”. Mein Vater sagt dazu: “Hör auf, mit den Ohren zu klatschen.” Soll heißen: “Schau wachsamer, Du Mondkalb!”

Außerdem cremt sich außer mir niemand mit Lichtschutzfaktor 40 ein. Sonnenbrand gilt in der Ukraine als Muskelkater vom Sonnenbaden: Wer keinen hat, hat sich nicht richtig angestrengt. Ich schleppe als Einzige einen Sonnenschirm mit mir herum. Going Native in allen Ehren, aber mein deutscher Dermatologe hat mir Panik vor Haarscheitelkrebs eingeimpft.

Meine Gastgeberin Aniri ist eine Accessoire-Designerin, ich habe sie über das Netzwerk Couchsurfing kennengelernt. Odessa ist die perfekte Stadt, um auf die Reise-Pausetaste zu drücken. Hier kann man das ukrainische “Dolce Vita” probieren: “Speck in Schokolade” etwa, oder zuckersüße Melonen der Sorte “Torpedo”, die aussehen wie Rugby-Bälle. Das Obst schmeckt nach Sonne, die Strände und Clubs sind in Osteuropa berühmt. Die Odessiten erklären Touristen gern und ausführlich den Weg, unabhängig davon, ob sie ihn kennen.

Ich freue mich auf diesen Urlaub vom Urlaub. Ich bin ein bisschen flexibilitätsmüde. Den Zug kriegen. An der richtigen Haltestelle aussteigen. Tasche auspacken. Tasche einpacken. Wo zum Teufel ist das Kameraladegerät? Kaum hatte ich kapiert, wo die Lichtschalter im Haus sind, zog ich weiter, zu neuen Lichtschaltern.

Reisen ist eines dieser Dinge, die davor und danach mehr Spaß machen. Die Vorfreude ist groß: Ich glaube immer, unterwegs werden sich alle Sorgen augenblicklich in neuen Eindrücken auflösen, wie ein Zuckerwürfel im Teeglas. Doch kaum bin ich losgefahren, kann ich es kaum erwarten, bis dieser Erlebnis-Strudel zu glatten Erinnerungen gerinnt.

Genauso wie im echten Leben, wache ich auf Reisen manchmal mit guter Laune auf, manchmal mit schlechter – allerdings in fremden Betten. In sechs verschiedenen habe ich in den vergangenen Wochen geschlafen, sechs russische Städte habe ich besucht, in sechs Leben reingeschnuppert.

Ein Russland-Intensivkurs. Mein handgeschriebenes Slang-Wörterbuch wird immer dicker. Ich verstehe inzwischen jeden dritten Witz. Einmal habe ich sogar meine “Rechte gepumpt” – also ein bisschen Theater gemacht – als eine Museumsdame meinen deutschen Studentenausweis nicht anerkennen wollte. Außerdem habe ich das Verzeichnis aller verbotenen Dinge aufgefrischt, die in Russland als schlechtes Omen gelten. Nicht in geschlossenen Räumen pfeifen – sonst gibt es kein Geld im Haus. Kein Besteck fallen lassen – sonst kommt ein ungebetener Gast. Nicht an der Tischecke sitzen – sonst heiratest Du nicht.

Auf Reisen klafft die Schere zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung besonders weit auseinander. Wenn ich unterwegs bin, fühle ich mich tendenziell schöner als in den eigenen vier Wänden, an denen Spiegel hängen, die mich an die Realität erinnern. Seit ich meine Haarbürste in Murmansk vergessen habe, kämme ich mich morgens mit einer Gabel und fühle mich wie Arielle oder zumindest so verwegen lässig wie Charlotte Gainsbourg.

In Odessa gilt mein Look wohl als verwahrlost. Wenn ich mit den Einheimischen äußerlich verschmelzen will, gilt ab heute: Keine Männerhemden und abgeschnittene Jeans! Zum Strand gehe ich mit Lipgloss und Maniküre. Und einem neuen Buch. “Gogol als Strandlektüre? Das machen nur die Ausländer, die Slawistik studieren”, sagt die Verkäuferin im Buchhandel und wundert sich über meine Bitte nach typischer Lektüre. Der Wunsch, für einen Einheimischen gehalten zu werden, sei übrigens auch typisch westlich. Sie verkauft mir eine Kurzgeschichtensammlung von Viktoria Tokarewa, die Grande Dame der russischen Gefühlsliteratur.

Gleich die erste Kurzgeschichte handelt von der Russin Nastja, die den deutschen Ingenieur Günther verführt, damit er sie nach Münster mitnimmt. In Deutschland angekommen, vermisst sie ihre Heimat und leidet daran, dass Günther ihr kein Geld für Shopping gibt: “Er verstand nicht – warum sollte man Geld in Klamotten investieren? Die Deutschen ziehen es vor, Geld für Reisen auszugeben. Für Lifestyle”, beschreibt Tokarewa die Eindrücke ihrer Heldin. “Die Deutschen hübschen sich nicht gern auf. Sie waren bequem angezogen und sehr unauffällig.”

Ich bin ein bisschen beleidigt. So ein Klischee! Dann fällt mir ein, dass ich seit drei Wochen mit einer Vogelnest-Frisur durch Russland reise. Und dass ich selbst einen Haufen Stereotype über osteuropäische Mode habe. Ich weiß, dass ich hier nur sehe, was ich erwarte. Ich weiß, dass es auch hier kleine Frauen gibt und große, dicke und dünne, die genauso wie die Deutschen Zara und Mango mögen. Trotzdem kommt es mir vor, als liefen hier nur Wesen in Kleidern aus Luft durch die Straßen, deren Beine dort aufhören, wo meine Schultern anfangen, und die so aufwendig geschminkt sind wie im Kabuki-Theater.

Aniri sagt, dass ukrainische Frauen tatsächlich mehr Make-up tragen und höhere Schuhe. “Wer Geld hat, möchte es zeigen. Wer keins hat, zieht sich zumindest so an. Wer als Mann nichts besitzt und als Frau nicht gut aussieht, hat es schwer in der Ukraine.”

Aniri verkauft Hüte, Broschen und Taschen aus Klamotten, die bereits ein Leben hinter sich haben. In die Herstellung spannt sie unbekannte Künstler ein, schwangere Freundinnen und ihre Oma. Aber kommt Handgemachtes und Recycling an? “Ich überlege sogar, die Signatur ‘handmade’ aus meinen Sachen zu entfernen – sonst nimmt mich hier niemand ernst.” In der Ukraine sei Handgemachtes ein Zeichen von Armut und nicht von Lifestyle, genauso wie Fahrradfahren und der eigene Gemüsegarten. “Hausgemachte Marmelade! Lokales Bioessen! Guerilla Gardening! Eure urbane Elite sollte mal mit meiner Oma reden!”

 

Moskau/ St. Petersburg

credit: Wlada Kolosowa
credit: Wlada Kolosowa

Ich dachte, das Schwierigste sei vorbei. Ich bin zurück in St. Petersburg – der Stadt, in der die Reise begann. Ich habe über 20.000 Kilometer zurückgelegt, in 15 Städten genächtigt, eine Lebensmittelvergiftung überlebt und Hering unter Pelzmantel. Die größte Herausforderung steht allerdings noch bevor: meinen deutschen Freund in den Kreis der Familie väterlicherseits einführen, die in Russland lebt.

Es ist Ernst. Ich bin in dem Alter. Da ist nix mit: “Papa, das ist der Mann, mit dem ich Herz, Bett, Eisbecher und Grippeinfektionen teile – und möglicherweise auch den Rest des Lebens.” Jedes männliche Wesen, das seinen Arm um meine Schulter legt, wird unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit unter die Lupe genommen.

Nicht, dass meine Familie mich unter Druck setzt. Niemand spricht das H-Wort laut aus. Alle akzeptieren, dass wir in Europa “einfach spät dran sind”. Und trotzdem bekommen mein Vater und meine Oma synchron diesen vernebelten Blick, wenn sie auf der Straße ein weißes Sahnehaubenkleid sehen, aus dem ein wohlfrisierter Mädchenkopf herausragt. Ich lese in diesem Blick: und du? Und fange sofort an, mich zu rechtfertigen: “Aber ich bin doch 24!”, sage ich und betone dabei die Vier – ich bin ja keine 29. Sie sagen: “Eben! Du bist 24!” Sie betonen dabei die Zwanzig – du bist ja keine 14.

Für russische Verhältnisse bin ich im besten Heiratsalter. Es gibt Tage, an denen mein Vater meinen Kopf in seine Hände nimmt, ihn mit gespielter Sorgfalt inspiziert und übertrieben laut seufzt: “Tochter, dieses Gesicht hält nicht ewig! Mach hin!” Ich weiß, es ist ein Witz. Ich traue mich trotzdem nicht ganz zu lachen.

Der Liebste wird in Russland “mein Kerl” oder “mein Angetrauter” genannt, oder einfach “mein junger Mann”. Mein junger Mann wurde schon von der Familie per Skype inspiziert. Das Urteil: zu dürr, zu wenig Muskeln, zu viele Haare. Sie laden ihn trotzdem nach St. Petersburg ein, sogar an Omas Geburtstagstisch.

Zur Vorbereitung besuchen wir meinen 19-jährigen Cousin in Moskau. Bis zu meinem zwölften Geburtstag trug ich ihn huckepack. Jetzt reiche ich ihm nicht einmal bis zur Achsel. Mein Cousin studiert Informatik an der Baumann-Universität. Sein Englisch reicht fast an das von Jonathan Safran Foers ukrainischem Helden Schapka heran. “You skill music?”, fragt der Cousin. Junger Mann skillt Gitarre und Klavier und öffnet damit einen Spaltbreit die Tür zu Cousins Herzen.

Moskau ist eine Art Trainingslager für die Schwiegersohn-Schau in St. Petersburg. Natürlich sind drei Tage zu kurz, um vaterpräsentable Muskeln anzuzüchten. In anderen Disziplinen schlägt sich junger Mann aber vorzüglich: Unerschrocken stürzt er sich auf Kalbszungensülze, Sauerampfersuppe und die Süßigkeit namens Vogelmilch. Außerdem lernt er den Grundwortschatz für die Familienfeier und deren Grundsätze: Essen – aufessen. Nachschlag verlangen. Getränke und Geschenke – annehmen. Mich – anhimmeln. Eine von Omas Weisheiten lautet: Vor der Hochzeit muss der Mann die Frau auf Händen tragen, denn nach der Hochzeit trägt sie ihn huckepack durchs Leben.

“Der ist genehmigt”, sagt der Cousin, bevor junger Mann und ich in den Nachtzug nach St. Petersburg steigen. Dann umarmt er mich. Jungem Mann gibt er einen knochenquetschenden Händedruck: “You better love her, or I’ll damage you!”

Mehr als Straßenkarten zu lesen, hasse ich nur, Straßenkarten zusammenzufalten. Und auf ihnen Straßennamen zu suchen. Normalerweise trete ich das an meine Begleitung ab. In St. Petersburg klappt das nicht. Junger Mann und ich haben eine kyrillische Karte. “Wir müssen zu der Straße: Box ohne Boden, E, C, T, E, Zelteingang, umgedrehtes R”, sage ich. “Gesprochen: Pestelja.” Junger Mann hält mir ein Taschentuch hin: “Kannst Du das bitte malen?”

Mir wird klar: Mein Land, meine Reiseleitung. Ich tu mein Bestes, um ihn vor den Gefahren meiner Heimatstadt zu schützen: offene Straßenluken; Pöbler, die Trainingsanzüge zu Lederschuhen tragen; und Beljaschi – frittierten Teigtaschen mit Fleisch, über die Einheimische scherzen: “Kauf zehn und baue dir eine Katze zusammen.”

Von den geplanten Sehenswürdigkeiten sehen wir aber nur ein Zehntel. Junger Mann und ich haben uns anderthalb Monate als Pixelhaufen auf dem Laptopbildschirm gesehen. Die aufregendsten Sehenswürdigkeiten sind Parkbänke.

Vor Omas Haustür bin ich nervöser als beim Mathe-Abi. Junger Mann bleibt wie immer: lebensfroh und übermutig. Aus seinem einstudierten “Alles Gute zum Geburtstag” wird zwar “Alles Gute zum Tag der Gebärenden”. Dafür erobert er Omas Herz mit Fleischeslust. “Nimm dir ein Beispiel! Er hat sein Hemd gebügelt und isst wie ein Mensch!”, sagt Oma. “Und du? Nicht nur, dass du dich angezogen hast wie zur Heuernte! Du futterst auch noch das Gras vom Feld!”

Oma ist sicher: Jeanstragenden Salatessern laufen Männer davon. Deshalb dekoriert sie mich noch am Esstisch mit Erbschmuck, wie einen Tannenbaum. Das soll meinen Marktwert steigern. Das Haus und sich selbst und hat sie schon vorher herausgeputzt: Omas Glitzerkleid lässt ihren Bauch wie eine Discokugel aussehen. Auf dem Tisch steht das 30 Jahre alte Porzellanset “Madonna” aus der DDR – früher das Neidobjekt der ganzen Nachbarschaft.

Von mir instruiert, betrachtet junger Mann bewundernd das “Made in the GDR” auf der Rückseite des Geschirrs. Oma legt ihre Hand auf meine Schulter: “Wenn du die hier nimmst, bekommst du das Geschirr dazu”, sagt sie zu ihm. Und dann zu mir: “Enkelin, übersetze!”

Zum Glück liegt die Hoheit über die Völkerverständigung bei mir. Papa kann nur vier Sätze auf Deutsch: “Hitler kaputt” und “Halt, nicht schießen!” hat er in den alten Kriegsfilmen gelernt. Außerdem: “Hände hoch!”. Das hat Papa früher immer vor dem Baden gesagt, damit ich die Arme hochreiße, und er meinen Pullover über den Kopf ziehen kann. Wie seltsamerweise fast alle Russen kennt er auch: “Das ist phantastisch.” Angeblich soll dieser Satz besonders oft in deutschen Pornos gesagt werden, die hier sehr für ihre Qualität geschätzt werden.

Junger Mann kann außer Höflichkeitsworten und “Nachschlag, bitte!” nur einen Satz auf Russisch: “Ich bin sehr glücklich, an diesem Abend bei Ihnen zu sein.” Das soll der Abschlusstoast des Abends werden. Alle erheben die Augen zu ihm und die Gläser in die Luft. “Ja otchen’ schaschlik”, setzt er an und bringt den Toast souverän zu Ende, obwohl ich in der Mitte lospruste. Aus “schastliv” – glücklich – ist in seiner Ausführung ein Fleischspieß geworden. Aber das ist nicht wichtig: Alle sind glücklich. Junger Mann preist bierselig alles in der Umgebung an: “Das Essen, es ist phantastisch! St. Petersburg ist phantastisch. Die Getränke – phantastisch!” Mein Vater sieht, wie er etwas zu überschwänglich mein Bein streichelt. “Ich weiß genau, worüber ihr redet”, sagt Papa und zwinkert. Ich versuche, das Missverständnis aufzuklären. Vergebens.

Mein Vater wünscht sich sehnlich Enkelkinder, lehnt aber alles ab, was mit ihrer Herstellung zu tun hat. Junger Mann und ich werden auf eine Luftmatratze gebettet. Sie knattert und raschelt, wenn wir nur atmen, geschweige denn phantastische Sachen darauf machen.

Als ich zurück aus dem Bad komme, liest junger Mann mit geschlossenen Augen die Biografie von Keith Richards. Die phantastischen Gerichte und Getränke haben ihn geschafft. Ich klettere zu ihm auf die Matratze. Sie knistert, als würde eine Horde Elefanten auf Bläschenfolie steppen. Der ganze Wohnblock ist wach. Nur nicht junger Mann. Mit einem Lächeln auf den Lippen tätschelt er nach mir. Ich schmiege mich an und flüstere: “Ich glaube, ich bin auch sehr Schaschlik.”

Weitere Folgen von “Wlada in Russland” gibt es hier.