SPIEGEL ONLINE | 15.02.2012 | Direktlink

Anne Sophie rennt

Wenig Geld, viel Stress - und das für ein paar Glücksminuten auf dem Laufsteg. Wie Models die Fashion Week in New York erleben.

 

Foto: Christopher Lane / Getty Images
Foto: Christopher Lane / Getty Images

Der Fuß passt nicht in den Schuh. Der Fuß muss passen. Die Zehen werden mit Creme eingerieben und in drei Nummern zu kleine Heels gepresst. Anne Sophie Monrads Sohle wird zu einem Bogen, ihr Mund zu einem dünnen Strich. Geht’s? “Natürlich.” Anne Sophie macht ein paar wankende Probeschritte. “Solange ich wackeln darf, wackele ich”, sagt sie. Später auf dem Laufsteg heißt es: Zähne zusammenbeißen und perfekte Schritte machen.

Bevor die Show losgeht, werden hinter der Bühne noch ein paar Fotos für das Lookbook der Designerin Karen Walker gemacht. Mund auf, Mund zu, Blick zur Seite, Blick nach unten, Augen in die Mitte rollen, für ein flippiges Motiv: Hier ist eine Mimik-Athletin am Werk, ein Wandlungs-Profi. Anne Sophie ist 20 und seit über drei Jahren im Geschäft. Sie war schon in der “Vogue”, hat Kampagnen für Nina Ricci und Custo Barcelona gemacht und schritt für Chanel und Emporio Armani über den Laufsteg.

Als die Blitze erlöschen, erlischt auch Anne Sophies Lächeln. Aber das nur kurz, eine neue Kamera ist schon auf sie gerichtet. Anne Sophies Lächeln ist für alle Objektive da: Für die großen, professionellen, aber auch für das iPhone einer Bloggerin. Aufmerksamkeit ist Geld. Währenddessen zupfen vier Frauen an ihr herum: Die erste bindet die Schleife ihrer Bluse, die zweite befreit die Hose von Fusseln, die dritte überprüft noch einmal die Nägel, die vierte sprayt die Frisur fest. Dann heißt es: “Du bist fertig, Anne Sophie.”

Fertig – das ist sie tatsächlich ein wenig. Die 50 Castings und dutzende Anproben der vergangenen Tage haben Schatten unter Anne Sophies Augen gelegt. Gelohnt hat es sich trotzdem: Die Fashion Week ist noch nicht zu Ende, und sie ist bereits bei zwölf Schauen mitgelaufen. Das ist gut. Eine Newcomerin macht während einer Fashion Week fünf bis zehn Shows. Über 30 Shows schaffen nur Spitzenmodels wie Karlie Kloss.

Die Haare sind gemacht, die Nägel, das Make-up, die Laufstegproben, die Fotos. Jetzt heißt es: warten. Daran ist Anne Sophie gewöhnt, warten macht fast die Hälfte des Jobs aus. Heute macht es sie nervös. Die Show hätte um 16 Uhr anfangen sollen, inzwischen ist es 16 Uhr 20. Laut Zeitplan muss sie um 17 Uhr für Bibhu Mohapatra auf dem Laufsteg sein, etwa fünf Kilometer von hier entfernt. Es ist knapp, aber es ist zu schaffen: Auch die nächste Show wird eine halbstündige Verspätung haben, außerdem wartet ein Fahrer vor der Tür. “Ich werde trotzdem rennen müssen.”

“Auf welche Partys gehst Du heute?”, fragt eine Modelkollegin. Anne Sophie rollt die Augen. Man darf sich nicht schon am Anfang verheizen, die Fashion Week in New York ist nur der Beginn eines rastlosen Monats. Nach der letzten Show fliegt Anne Sophie nach London. Aus dem Flugzeug geht es direkt zu den Anproben. Die Zeitumstellung ist dem Modebusiness egal. Auf London folgen nahtlos Mailand und Paris, wo Models so viele Termine haben, dass fast jede einen Fahrer braucht.

Heute hat Anne Sophie nach den Shows noch eine Anprobe, danach muss sie noch mit der Leiterin ihrer deutschen Agentur essen. Was morgen passiert, weiß sie nicht. Die Chefin ruft zwischen 10 und 11 Uhr an, um den Plan für den nächsten Tag durchzugeben. Es ist auch schon mal passiert, dass Anne Sophie um Mitternacht unter der Dusche stand und dann mit nassen Haaren und Jogginghose wieder losmusste. “Wenn mein Smartphone spätabends piept, rutscht mir das Herz in die Hose. Ich freue mich dann wahnsinnig, wenn es doch kein Termin ist, sondern eine Werbemail.”

Die Ungewissheit auf der Fashion Week ist Teil des Programms: Oft sind die Kleider noch am Tag vor der Show nicht fertig. Für die Models sind die internationalen Modewochen die anstrengendsten Tage im Jahr – und nicht unbedingt die lukrativsten. Oft bezahlen Designer mit Kleidung, die Models erst ein halbes Jahr später bekommen und die nicht immer passt. Manches verkauft Anne Sophie, manches verschenkt sie. “Meine Freunde und Familie haben inzwischen alle Designerklamotten.”

Geld gibt es eher bei Katalogen und Kampagnen. Die Fashion Weeks sind für ein Model vor allem Eigenwerbung: Der Catwalk ist auch eine Fleischschau für Redakteure, die nach Models für Editorials gucken, oder Castingdirektoren, die Gesichter für Mode-Kampagnen suchen.

Nach den Modewochen fährt Anne Sophie immer nach Hause, “schlafen und sich bemuttern lassen”. Die Fashion Weeks sieht sie “wie eine Klassenfahrt, bei der man zu wenig schläft und jeden Tag in 15 Museen muss.” Es sei zermürbend und aufregend. “Und am Ende ist man froh, nach Hause zu kommen.”

Zu Hause, das ist immer noch Sieverstedt bei Flensburg, einer Gemeinde mit knapp 1600 Einwohnern. Obwohl sie seit über einem Jahr in New York lebt, fühlt sich Anne Sophie dort am wohlsten, hier seien ihre echten Freunde. “Zwanzig Minuten hören sie sich Geschichten aus der Modewelt an. Aber schnell ist es wichtiger, wer zu Hause mit wem etwas hatte.”

Dann fühlt sie sich Anne Sophie ein bisschen wie früher, als sie Waldorfschülerin war und als Maskottchen Mr. Scandi im “Mr. Scandis Fun Park” jobbte, in einem schweren Kostüm, von dem sie Ausschlag bekam. “Daneben ist Modeln purer Spaß.” Auch als Babysitter und als ein Engel bei Karstadt hat sie schon gearbeitet. “Es war mir schon immer wichtig gewesen, mein eigenes Geld zu verdienen.”

Irgendwann will sie in diese Normalität zurück: Ein Café aufmachen oder ein Hotel. Es muss nicht unbedingt Mode sein. “Klamotten machen dich nicht glücklich”, sagt Anne Sophie. “Handtaschen schon, ein bisschen zumindest.” Wie viele sie besitzt, möchte sie nicht verraten. “Ich habe Angst, dass mein Vater es liest.”

Bald geht es los. Die Models sind fertig aufgereiht. Fotografen, Journalisten, Stylisten, Kamerateams, Make-up-Artist, Assistenten und Praktikanten halten backstage den Atem an. Und dann geht es ganz schnell. Nach wenigen Minuten ist die Show vorbei, die Models sind zurück hinter den Kulissen. Alle klatschen. Anne Sophie rennt.