VICE | 14.10.2016 | Direktlink

Augen zu und durch: Ich war mit einer Blindenführung auf der Venus

Die Erotikmesse ist um Welten besser, wenn man dort nichts sieht.
Bayreuth hat die Festspiele, Frankfurt die Buchmesse und Berlin die Venus. Es ist jedes Mal irgendwie das Gleiche, trotzdem für viele ein Pflichttermin. Die Mischung aus silikonoptimierten Pornosternchen und Männern, die mit gezückten Kameras zwischen ihnen und Gummivaginen wandern, hört auch nach Jahren nicht auf zu faszinieren. So ähnlich wie eine alte Socke fasziniert, die man irgendwo in einer Zimmerecke findet: Man weiß eigentlich ganz genau, was passiert, wenn man dran riecht, kann es aber trotzdem nicht lassen.

Ich war noch nie da und ich bin zwiegespalten. Einerseits stelle ich mir pubertierende Jungsgruppen eher als Venus-Zielgruppe vor als mich, eine 29-Jährige. Andererseits hatte ich schon immer ein Ding für Superlative: Deutschlands größte Erotikmesse! 250 Aussteller! 30.000 Besucher! (Die bereit sind, 35 Euro für die Karte hinzublättern). In diesem Jahr feiert die Venus ihren 20. Geburtstag. Wie auch immer man es dreht: Diese Messe gehört zu Berlin, zu Deutschland, zum Menschen.

Und dann kam auch noch eine E-Mail mit einem Angebot: Venus und der ABSV (das ist der Allgemeiner Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin) bieten zum ersten Mal Führungen für Sehbehinderte an. Programmpunkte, unter anderem: sexy Kurzgeschichten, erotische Schokolade und “Produktion eines erotischen Holzspielzeugs”. Das hört sich doch bedeutend besser an als Penispumpen, Dildo-Liveshows und Autogrammstunde mit Micaela Schäfer. Wenn ich die Führung mit geschlossenen Augen mitmache, kann ich vielleicht die Venus erleben, ohne in die menschlichen Abgründe zu blicken?

Im Venus-Eingangsbereich, wo ich mich mit der Gruppe treffe, bin ich plötzlich doch verunsichert. Ist mein Plan nicht respektlos gegenüber den Menschen, die wirklich nicht sehen können? Etwa ein Dutzend Sehbehinderte, manche mit Begleitpersonen, sind zu der Führung gekommen. Alle bekommen Kopfhörer, durch die die Stimme der Führerin zu hören ist. Jene der Dragqueen Ella Motardella.

Die vorübergehend blinde Autorin ganz links im Bild | Alle Fotos: Grey Hutton

Ich frage Hans-Peter, der ein Basecap mit dem Blindensymbol trägt und unglaublich sympathisch ist, ob er meine Aktion arschig findet. Aber er sagt nur: “Ach, wieso? Das hilft doch, sich in uns reinzuversetzen.” Als Hans-Peter, 53, noch Augenlicht hatte, war er regelmäßig auf der Venus. Nachdem er vor zwei Jahren erblindete, hatte er die Idee zur Blindenführung: “Ich kann zwar nichts sehen. Aber Erotik ist ja auch riechen, schmecken, fühlen.” Drei weitere Teilnehmer, die ich frage, finden mein Vorhaben gut. Sonja Binder, Fachkraft für Sehbehindertenrehabilitation, warnt allerdings, dass ich die Führung anders erleben werde als die blinden Teilnehmer: “Sie sind daran gewöhnt, nichts zu sehen. Du wirst überfordert sein: so, als würdest du dein Leben lang nur spazieren und auf einmal in einem ICE sitzen.”

Also, Kopfhörer auf, Augen zu. Eine Augenbinde habe ich vergessen. Eine Teilnehmerin schlägt zwar vor, dass ich mir so ein Fetisch-Ding überziehen könnte:


… aber das ist mir zu albern. Ihr müsst mir also trauen, dass ich nicht geschummelt habe.OK, habe ich doch, ein bisschen, in den ersten 15 Minuten. Sonja Binder hat Recht: In meinen ersten blinden Minuten bin ich schon heillos damit überfordert, nicht über andere Menschen zu stolpern. Unser Fotograf, der mich an die Hand nehmen sollte, ist noch nicht da und ich luke ein paar Mal auf meine Füße. Erste Station: Wir dürfen das Sexspielzeug von Mystim anfassen, das mit Reizstrom arbeitet. Das fühlt sich an, als sei die Hand eingeschlafen, aber irgendwie gar nicht so schlecht. Ich lasse mir alle Pulsationsstufen und die Beckenbodenfunktion zeigen: “Wenn man weniger sieht, fühlt man mehr”, erklärt Stephan, 35, der ein Blindenabzeichen trägt. Er sagt, dass es auch sexy sein kann, einen Sinn auszuschalten, um sich auf andere zu konzentrieren. “Probiere mal erotische Hörbücher aus, oder diese Funktion von Pornhub, die dir erzählt, was in einem Porno passiert”, sagt er.

Die High-End-Sexpuppen mit austauschbaren Vaginen sind erträglicher, wenn man sie nicht sieht. Die Vorstellung, dass jemand 1.800 Euro für eine Silikongefährtin hinblättert, lässt mich immer noch an der Menschheit zweifeln. Ich muss allerdings die Flexibilität der Sexpuppenhände anerkennen, die sich auch zu einem eleganten Stinkefinger formen lassen. Und der Silikonfuß, den ich in die Hand gedrückt bekommen, fühlt sich in der Tat ganz nett an. (Die austauschbare Vagina, “die sich auch ganz einfach mit der Spülflasche reinigen lässt”: not so much.)

Der Fotograf ist inzwischen dazugestoßen und führt mich am Schlawittchen herum. Das ist super, weil ich mich fortbewegen kann, ohne Angst zu haben, in den Ausschnitt irgendeines herumlaufenden Busenwunders zu laufen. Allerdings ist er ein ziemlich pubertärer Blindenführer und drückt mir ständig Dinge in die Hand, die ich erraten soll: Silikoneinlagen …

Oder Stripperoberkörper:
Oder Dildos in Maiskolbenform:
Einmal denke ich, dass wir bereits in der BDSM-Halle sind, weil er mich irgendwas langes, schmales anfassen lässt, das furchteinflößende Geräusche macht, wenn man es in der Luft schwingt. Aber dann ist das nur der Selfiestick eines Besuchers.Später wird meine Hand irgendwo hingeleitet, was sich anfühlt wie ein Furry im Bärenkostüm …
… und sich als ein Pornosternchen mit Pelz in der Schrittgegend entpuppt. Sie ist sehr nett zu mir, und auch nachdem ich mehrmals erkläre, dass ich nicht wirklich blind bin, besteht sie darauf, dass ich ihre Brüste anfasse, und küsst mich mehrfach auf die Wangen. Das ist schrecklich süß von ihr, zumal sie—nach Eigenangabe—wie Nicole Scherzinger aussehen soll. Allerdings stelle ich später auf den Fotos fest, dass ich nach den Bussis eine Stunde lang so lippenstiftbeschmiert auf der Venus rumgelaufen bin wie der Clown aus Es.

In der nächsten Stunde probieren wir Zartbitterschokolade in Form von täuschend echten Penissen, hören die erotische Kurzgeschichte “der geilen Engländer” und bekommen bei “Waldmichls Holdi” eine ausführlich Lektion über das Handdrexeln von Holzdildos. Zwischendurch erzählt Ella Motardella, was wir alles nicht sehen: “Wir laufen gerade an vier sexy Krankenschwestern vorbei”, “da links sind echt lecker Jungs”, “ui, ui, ui”. Spätestens nach drei Likören aus Penisfläschchen, die an die Tourteilnehmer verteilt werden, finde ich die Venus ganz gut. Ich bin abgeküsst, angetrunken, und bestens über die Gleiteigenschaften von Fichtenholz aus dem Odenwald informiert.

Um uns herum dröhnt seifiger Techno. Ich stelle mir vor, dass wir in einem riesengroßen Club sind, der bevölkert ist von heißen Krankenschwestern, lecker Jungs und unglaublich netten Nicole Scherzingers.

Und dann mache ich die Augen auf:

Die Fallhöhe zwischen Vorstellung und Realität könnte größer nicht sein. (Vielleicht nur, wenn jemand das Licht im Darkroom vom Berghain anknipst. Denn natürlich konnte ich es mir danach nicht verkneifen, all die Dinge anzuschauen, die ich vorher nicht gesehen habe: eine Virtual-Reality-Show, bei der eine blondierte Frau es mit einer Salatgurke treibt. Diese Lady, die sich live ihre goldenen Krallen bis zum Anschlag reinschob.
Horden von Rentnern und Schülern, die sie dabei mit professioneller Kameraausrüstung und Handys fotografierten.
Ich sah, dass ich keineswegs von Nicole Scherzingers umringt war, sondern zu 85 Prozent von Männern.

Ich sah ein Partner-Sexspielzeug, das als Metapher für die Einsamkeit in einer Beziehung dienen könnte: ein Dildo angeschnallt an eine Gummivagina. Im Zelt “für Ladies” sah ich einen strippenden Muskelschrank mit Tribaltattoos über der ganzen Schulter, der Oralverkehr an einer fünfzigjährigen Freiwilligen in Kargohose simulierte. Ich sah die Sexpuppe, die ich vorher angefasst hatte:
Ich sah den 1-Kilo-Buttplug aus Edelstahl, Peitschen, Bondageseile und Hunderte Sexspielzeuge in jeder denkbaren Farbe, Größe und Ausführung.

Das alles war manchmal lehrreich, manchmal traurig. Sexy war es nicht. Der einzige einigermaßen erotische Augenblick des Tages war, als ich mit geschlossenen Augen die Kurzgeschichte hörte. Ich will auf keinen Fall sagen, dass ich meine Gruppe dafür beneide, das alles nicht gesehen zu haben. Hans-Peter sagte nach der Führung: “Es ist toll, dass es endlich so etwas für uns gibt. Aber auch ein bisschen so, als sei ich durch eine Einkaufsstraße geführt worden, ohne zu wissen, was es dort alles gibt.” Er hätte garantiert auch gern all die Dildos und die Pornosternchen gesehen—oder zumindest die Wahl gehabt, nicht hinzuschauen. Aber Hans-Peter und Stephan an sind mit einem guten Eindruck aus der Venus rausgelaufen. Ich war überfordert. So ähnlich wie die Ergebnisse, wenn man nach kostenlosen Pornos googelt. Zu viel, zu ausgeleuchtet, zu platt. “Natürlich würde ich das alles gern sehen”, sagt Stephan. “Aber es nicht zu können, hilft auch gegen die Oberflächlichkeit”, sagt er. Wenn ich eins an diesem Tag gelernt habe: An einem Ort für Gaffer ist es manchmal besser, die Augen zuzumachen.