Arte Magazin | 01.09.2014

Interview mit Nadja Auermann

Sie ging als das Model mit den längsten Beinen der Welt in die Modegeschichte ein: Nadja Auermann. Ein Gespräch über Karl Lagerfeld und Rabenmütter.

Arte Magazin Cover September 2014

In den 1990ern waren Models wichtiger als ihre Kleidung. Auf ihren 112 Zentimeter langen Beinen folgte Nadja Auermann Naomi Campbell, Cindy Crawford und Claudia Schiffer in die Liga der Supermodels. Die 1971 geborene Berlinerin brachte es im Oktober 1991 auf die Titelseite der britischen „Vogue“, im November 1993 zierte sie das Cover der US-Ausgabe der Modezeitschrift – und stellte damit die Weichen für ihre internationale Karriere. Die vierfache Mutter arbeitete für Designer wie Yves Saint Laurent, Versace und Jean Paul Gaultier. Auch heute steht sie noch vor der Kamera, jüngst posierte sie für die japanische Ausgabe der „Vogue“. Nun moderiert sie für ARTE das Fashion Weekend. Das ARTE Magazin sprach mit ihr über den Hype ums Modelgeschäft und die Schönheit des Älterwerdens.

ARTE: Sie wurden nach dem Abitur 1990 in einem Berliner Café entdeckt. Waren Sie überrascht?

Nadja Auermann: Ich wusste schon, dass ich die Voraussetzungen fürs Modeln habe. Seit ich 16 war, wurde ich von Fotografen angesprochen. Aber meine Mutter legte Wert darauf, dass ich zuerst mein Abitur mache. Die Begegnung 1990 war deshalb besonders, weil mich zum ersten Mal eine Frau kontaktierte. Ich dachte: Ihr kann ich vertrauen, sie will keine anzüglichen Fotos von mir machen.

ARTE: Kurz darauf modelten Sie in Paris unter anderem für Yves Saint Laurent. Wie war das?

Nadja Auermann: Bei meiner ersten Kampagne für YSL arbeitete ich nur mit dem Fotografen Helmut Newton zusammen. Yves Saint Laurent selbst lernte ich erst später bei einer Show kennen, als er bereits sehr zurückgezogen und in sich gekehrt war. Ich konnte nicht einordnen, was er über mich dachte, bis er mir eine Kette mit einem roten Herz gab. Erst danach erfuhr ich, dass es ein wichtiges Schmuckstück für ihn war, das ein Model nur bekam, wenn er es besonders wertschätzte.

ARTE: Sie arbeiteten mit fast allen großen Designern. Wer blieb Ihnen besonders in Erinnerung?

Nadja Auermann: Ich hatte lange Kooperationen mit Valentino, Dolce & Gabbana, Versace, Jean Paul Gaultier, Vivienne Westwood und vielen mehr. Wenn ich nur einen hervorhebe, täte ich den anderen Unrecht. Aber es ist kein Geheimnis, dass Karl Lagerfeld mich früh entdeckt hat. Ich lernte ihn nicht nur als Modedesigner und Fotografen schätzen, sondern auch als großartigen Menschen.

ARTE: Karl Lagerfeld, der auch der Patenonkel Ihrer ersten Tochter ist, wird folgendes Zitat nachgesagt: „Der Körper ist wie ein Auto. Wenn man gut darauf aufpasst, hat man am Ende ein Vintage-Modell.“ Sehen Sie das auch so?

Nadja Auermann: Ja. Wenn man nicht Sport treibt und unkontrolliert alles in sich hineinstopft, ist es, als ließe man ein Auto verrotten. Unser Körper ist nicht gemacht, um auf der Couch zu hocken.

ARTE: 1992 sagten Sie der „New York Times“: „Es ist mein Beruf, dünn zu sein.“

Nadja Auermann: Wie Sportler muss man gewisse körperliche Voraussetzungen haben. Dürr musste man in den 90ern aber nicht sein. Die Supermodels waren, verglichen mit denen von heute, fast üppig.

ARTE: Sie sprachen einmal von einer regelrechten Fankultur nach den Modenschauen …

Nadja Auermann: Als ich anfing, gab es schon den Hype um Supermodels. Mit Kate Moss war ich die letzte der Generation, die dazugestoßen ist. Der Bohei, die Journalisten – das gehörte zum Job dazu. Aber manchmal war es zu viel. Ich musste mich erst daran gewöhnen, dass die meisten Menschen mehr über mich wussten, als ich über sie.

ARTE: In den letzten Jahren haben Sie die Presse aus Ihrem Privatleben herausgehalten. Eine Reaktion auf Ihre Zeit als Supermodel?

Nadja Auermann: Ja. Ich kam als junger Mensch in diese Branche. Mir war nicht klar, dass, wenn ich über meine Familie rede, sie Teil des öffentlichen Lebens wird. Ich habe diesen Beruf für mich gewählt und muss mit der Aufmerksamkeit klarkommen. Meine Kinder aber haben keine Wahl. Ich möchte, dass sie Privatpersonen bleiben.

ARTE: Sie sind Model, Schauspielerin und Mutter. Wie würden Sie selbst die Reihenfolge bestimmen?

Nadja Auermann: Wenn man Mutter ist, steht das über allem. Dann Model. Dann Schauspielerin.

ARTE: 2013 sagten Sie, dass Sie Psychologie studieren wollen. Was ist daraus geworden?

Nadja Auermann: 2009 habe ich mit dem Studium angefangen, es inzwischen aber unterbrochen. In den letzten Jahren habe ich zwei Töchter bekommen und habe noch zwei weitere Kinder. Da hatte ich das Gefühl, dass alles zu kurz kommt.

ARTE: Das übliche Problem, Karriere, Kinder und persönliche Interessen zu vereinbaren?

Nadja Auermann: In Deutschland hat man als Frau oft das Gefühl, dass man es niemandem recht machen kann. Wer zu Hause bleibt, ist eine langweilige Hausfrau, wer arbeitet, eine Rabenmutter. Ich kenne kein anderes Land, in dem es dieses Wort überhaupt gibt. Ich denke nicht, dass Kinder leiden, wenn beide Eltern arbeiten. Aber es ist genauso legitim und ehrenwert, wenn eine Frau sich Vollzeit um ihre Kinder kümmert.

ARTE: Oft endet die Karriere eines Models spätestens mit Mitte 30. Können die Lebensjahre nicht auch schöner machen?

Nadja Auermann: Älterwerden ist ein Geschenk, weil man in sich ruht. Vielleicht macht das tatsächlich schöner.