ZEIT Campus | 01.09.2015 | PDF

Lecker Zukunft

Wenn wir weiter essen wie bisher, reicht unsere Nahrung bald nicht mehr für alle. Es gibt genug Alternativen. Aber schmecken die auch? Ein Selbstversuch in sechs Tagen

Tag 1: Insekten

»Reißen Sie Flügel und Sprungbeine der Heuschrecken heraus«, so beginnt das Rezept für mein Müsli mit Banane und Insekten. Ein Frühstück wie eine Dschungelcamp-Prüfung. Ich brate die Heuschrecken in Butter an und rede mir selbst gut zu: »Insekten sind gesund. Insekten sind nahrhaft. Insekten könnten die Probleme der Welternährung lösen.« Beim ersten Löffel muss ich trotzdem würgen. Beim zweiten geht’s. Die Heuschrecken schmecken hauptsächlich nach Butter. Ich finde sie sogar ganz gut. Bis ich einen Panzer knacken höre.

Anderswo auf der Welt ist man weniger zimperlich: Zwei Milliarden Menschen essen Insekten, schreiben die Experten von der Welternährungsorganisation – und hoffen, dass es noch mehr werden. Insekten könnten das Fleisch der Zukunft sein. Denn die Menschheit braucht dringend Alternativen zu Rind und Schwein. Bis 2050 könnten 9,6 Milliarden Menschen auf der Erde leben, heißt es bei den Vereinten Nationen – etwa ein Drittel mehr als jetzt. Wenn die sich alle so ernähren, wie wir es heute tun, müsste die Fleischproduktion verdoppelt werden, um ihre Nachfrage zu stillen. Dabei benötigt die Nutztierhaltung schon heute ein Drittel der Landoberfläche, wie der Fleischatlas zeigt, der von der Heinrich-BöllStiftung und vom Bund für Umwelt und Naturschutz herausgegeben wird.

Insekten brauchen weniger Platz, produzieren weniger CO₂ und vermehren sich schneller als Rind und Schwein. Sie kommen auch mit viel weniger Futter aus: Für ein Kilo Rindfleisch braucht man sieben bis zehn Kilo Futter, für ein Kilo Heuschrecken nur zwei. Außerdem sind sie reich an Proteinen, sie enthalten ähnlich viel wie Putenbrust.

Vieles spricht also dafür, Insekten zu essen. Wäre da nicht der Ekel. In der Mittagspause streue ich Mehl- und Buffalowürmer (Larven der Mehl- und Schimmelkäfer) auf meinen Salat. Der Kollege, der mit mir Mittag isst, guckt halb mitleidig, halb angewidert. Gefriergetrocknet in der Tüte sahen die Larven harmlos aus, so wie Fischfutter. Vollgesogen mit der Salatsoße, erinnern sie an lebendige Maden – schmecken aber wie labberige Chips.

Die meisten, denen ich etwas von meinem Essen anbiete, lehnen ab. Bei Blindverkostung, wenn ich verschweige, was ich serviere, finden alle, dass es gar nicht so schlecht schmeckt. Zum Abendessen gibt es Heuschrecken im Backteig. Ich frage mich, ob man sich nur vor solchem Essen ekelt, weil man es nicht kennt. Fände ich rohes Steak wirklich appetitlicher, wenn ich es noch nie probiert hätte? Es wird dauern, bis ich mich an Flügel und Panzer gewöhne. Bis dahin gilt: Augen zu und durch.

 

Tag 2: Nährstoff-Shakes

Nur 15 Minuten dauert meine Nahrungsaufnahme heute – deutlich weniger als sonst. Denn zum Frühstück, Mittagessen und Abendbrot gibt es einen Soylent-Shake.

Soylent ist nicht Menschenfleisch, wie in dem Science-Fiction-Klassiker Soylent Green. Es ist ein Nahrungsersatz-Pulver aus dem Silicon Valley. Das Werbeversprechen: Eine Tagesration Soylent enthält die nötige Dosis an allen Nährstoffen, die ein Mensch zu sich nehmen sollte. Der Erfinder von Soylent, der Programmierer Rob Rhinehart, hielt Essen für etwas Lästiges, das Zeit und Geld kostet. Um es möglichst effizient hinter sich zu bringen, mischte er Vitaminpillen und Nährstoffpulver. Zum Schluss Wasser dazu und: Essen ist fertig! Der Preis pro Mahlzeit beträgt umgerechnet 2,70 Euro. Der Haken: Bisher wird Soylent nicht nach Europa geliefert. Ich lasse es mir von einer Freundin aus den USA schicken.

Mein Mittagsmahl bereite ich im Toilettenwaschbecken vor: Soylent-Pulver in den Shaker, Wasser dazu, schütteln, exen. Der Shake hält, was er verspricht: Der Geschmack ist erträglich, wie eine Mischung aus Protein-Shake und Hafermilch. Danach fühle ich mich gut und habe weder Hunger noch Appetit. Als Kollegen mit Eis aus der Kantine kommen, werde ich trotzdem sehr traurig. So ähnlich wie das Toilettenwaschbecken ist auch Soylent: steril, eintönig, funktional.

Anscheinend finden es trotzdem eine Menge Leute gut. Das Wirtschaftsmagazins Forbes berichtete im Januar, Soylent habe umgerechnet 18 Millionen Euro von Investoren bekommen. Zeitweise sei die Nachfrage nach dem Getränk so groß gewesen, dass Kunden monatelang auf
ihre Bestellung warten mussten. Ich bin aber nicht überzeugt. Essen verhält sich zu Soylent wie Sex zu Fortpflanzung im Reagenzglas: Es erfüllt seinen Zweck. Soylent verspricht, gesünder als Lieferpizza zu sein und zeitsparender als Kochen. Für Leute, die Essen als ein notwendiges Übel ansehen, kann das praktisch sein. Ich habe allerdings die durch Soylent-Shakes eingesparte Zeit damit verbracht, von Eiscreme und Käse zu träumen.

Tag 3: Stadtgemüse

Zu der Farm, von der ich heute mein Mittagessen hole, kann ich mit der U-Bahn fahren. Sie liegt nicht auf dem Land, sondern mitten in der Stadt. Bei ECF-Farmsystems (ECF steht für »eco-friendly«) in Berlin-Schöneberg werden auf 1800 Quadratmetern Barsche und Gemüse gezüchtet. Farmen wie ECF können zwei der wichtigsten Probleme der Landwirtschaft lösen: hohen Wasserverbrauch und CO₂-Emissionen. Denn die Landwirtschaft

verbraucht 70 Prozent des weltweiten Trinkwassers, heißt es bei der Umweltschutzorganisation WWF. Zudem ist sie für einen nicht geringen Teil der Treibhausgase verantwortlich – die Angaben schwanken zwischen 9 und 23 Prozent. Innenstadtfarmen sparen CO₂,weil die Produkte nicht sehr weit transportiert und dabei gekühlt werden müssen: Tomaten und Salat werden gleich nebenan verkauft.

Beim Geschmackstest läuft mir der Saft der Tomate über Nase, Mund und Kinn – wie früher auf Omas Datsche. Mir fällt auf: Vor lauter Supermarktgemüse hatte ich in der Zwischenzeit vergessen, wie intensiv Tomaten riechen. Auch der Salat mit angebratenen Auberginen, den ich mir später zubereite, schmeckt saftig und frisch. Kein Wunder, dass selbst ein Sternekoch hier einkauft.

Außerdem spart die Farm Wasser, weil sie ein geschlossenes System ist. Ein Filter wandelt das ammoniumreiche Wasser aus dem Barschtank in düngerreiches Gießwasser. Die Feuchtigkeit, die verdunstet, wird an der Decke aufgefangen. Das Gemüse wächst nicht im Erdboden, sondern hydroponisch – es steht mit den Wurzeln in fließendem Wasser. So kann man Pflanzen, unabhängig von der Bodenqualität, überall anbauen.

Hydroponisches Gemüse wächst auch einige Kilometer weiter, in einem Loft in einem dunklen Hinterhof in Berlin-Kreuzberg. Hier, auf der Infarm, werden die Pflanzen künstlich beleuchtet. Die Boxen, in denen das Gemüse wächst, hängen übereinander bis unter die Decke. Vertical farming nennt sich das. So spart man Platz und löst damit ein drittes Problem der Landwirtschaft: Ackerland wird immer knapper. Laut einer Studie des WWF wird
es 2050 nur 1166 Quadratmeter Acker pro Erdbewohner geben – nicht mal ein Drittel von dem, was 1960 verfügbar war.

Noch ist die Infarm ein Ort für Experimente. Gemüse kann man hier, anders als bei ECF, noch nicht kaufen. Die junge Kresse, die ich zum Probieren bekomme, gibt aber einen vielversprechenden Vorgeschmack.

 

Tag 4: Pflanzenfleisch

Die Probleme des Fleischkonsums sind bekannt: grausame Massentierhaltung, Treibhausgase und riesige Mengen Futtermittel, die Rinder und Schweine jeden Tag verbrauchen. Und trotzdem: Viele Menschen lieben Fleisch. Es schmeckt einfach besser als Tofu.

Wo die Moralkeule versagt, helfen vielleicht Alternativen, die auch Karnivoren lecker finden. Und die sie an Fleisch erinnern. Seit ein paar Jahren kommen immer mehr Produkte auf den Markt, die versprechen, sich wie Fleisch anzufühlen und nach Fleisch zu schmecken. Es sind Imitate aus Milch- oder Pflanzenproteinen: Milchfrikadellen etwa oder Koteletts aus dem Weizeneiweiß Seitan.

Ich teste Produkte der Marke LikeMeat: Pflanzenfleisch, das aus Eiweiß gewonnen wird, welches bei der Sojaölproduktion abfällt. Die Masse lässt sich zu Klumpen formen, die an Gyros oder Schnitzel erinnern. Das vegane Dönerfleisch hat die richtige Konsistenz: zart und ein bisschen sehnig. Die Produkte schmecken gut, aber nicht immer nach Fleisch. Auch mit viel Knoblauchsoße hätte ich das vegane Dönerfleisch nicht für
echtes gehalten. Der Kumpel, den ich für den Blindtest zwischen Echt- und PflanzenfleischDöner engagiere, weiß Bescheid, noch bevor er
reinbeißt: »Das riecht man doch!« Nur bei den veganen Chicken-Nuggets hätte ich keinen Unterschied gemerkt: Mit Panade und Bratfett
schmeckt wahrscheinlich so ziemlich alles gut.
Ein Gourmet-Steak wird das Pflanzenfleisch also nicht ersetzen können. Billigfleisch und Wurst für 0,99 Euro hingegen schon.

 

Tag 5: Qualle

»If you can’t beat it – eat it« ist der Leitspruch der Welternährungsorganisation im Kampf gegen die internationale Quallenplage. Entsprechend dieser Maxime schiebe ich mir heute eine Gabel Quallensalat in den Mund. Die Meere sind überfischt. Aber durch dieKlimaerwärmung ist die Zahl der Quallen explodiert. Es gibt sie so gut wie überall, und sie sind schwer auszurotten: Sie machen Bade­orte untauglich, verstopfen Schiffsturbinen und töten Fischpopulationen.

Chinesen essen Quallen seit über 1000 Jahren. Meist werden sie dünn geschnitten, mariniert und kalt serviert. In einem Berliner Restaurant namens Ming-Dynastie werden sie als Salat mit Gurke und Sojasprossen gereicht. Gelatinöser Plankton – die wissenschaftliche Kategorie, zu der Quallen gehören – schmeckt nach gar nichts, hat aber eine spannende Textur: etwas zwischen Sülze und Knorpel. Mit Sojasoße obendrauf – echt nicht schlecht.

Auch das könnte ein Ansatz für die Zukunft sein: Essen, das leicht zu finden ist, weil es weltweit an Badestränden angespült wird.

 

Tag 6: Wunderblume

Ich esse Blumen. Nicht nur weil mir Tiere leidtun. Sondern weil eine Blume seit einigen Jahren bei Ernährungsexperten hoch im Kurs steht: die Lupine, besser gesagt deren Samen. Sie bestehen zu einem Drittel aus Eiweiß und haben viele Vitamine. Man kann sie kochen, Bratlinge aus ihnen machen, Mehl oder veganes Eis. Im Herbst 2014 erhielt ein Team des Fraunhofer-Instituts und der Prolupin GmbH, das zu Verarbeitung von Lupinensamen forscht, den Deutschen Zukunftspreis. Anders als Sojabohnen muss man die Lupine nicht importieren. Sie wächst in Deutschland, ist gentechnikfrei und verbessert sogar die Qualität der Böden, auf denen sie wächst.

Meine sechstägige Zukunftsdiät beende ich mit einem Lupinenbratling (schmeckt etwas nach Mittagessen im Schullandheim), Lu­pi­nen­eis (nicht schlecht) und Lupinenbrot (lecker!) und resümiere: Auch wenn ich sonst abenteuerlich bin, beim Essen neige ich zum Traditionalismus. Es fiel mir nicht leicht, Wurst und Käse gegen unbekanntes Essen einzutauschen. Aber vieles, was mir erst unmöglich vorkam, schmeckte – mit den richtigen Gewürzen. Es lohnt sich, seine Geschmacksnerven Mutproben auszusetzen. Vielleicht haben wir auch keine andere Wahl: Schon heute nutzt die Menschheit Ressourcen von 1,5 Planeten, schreibt Global Footprint Network. Wenn die Erde uns 2050 noch ernähren soll, müssen wir unsere Ernährung umstellen. Ein Quallensalat oder Insekteneintopf ist dafür kein hoher Preis.