ZEIT Campus | 02.01.2016 | PDF

MODEKOLUMNE: KONJUNKTURPROGNOSE

Woher kommen Modetrends und wohin gehen sie? Über langhaarige Männer, sexy Jumpsuits und tote Hipster.

Von Oktober 2014 bis Dezember 2015 schieb Wlada Kolosowa die Modekolumne “Konjunkturprognose” für ZEIT Campus. Hier Lesen Sie drei Folgen.

EY, RAPUNZEL (DEZEMBER 2015)

LANGHAARIGE MÄNNER MÜSSEN SICH IMMER NOCH FÜR IHRE FRISUR RECHTFERTIGEN. SCHLUSS DAMIT!

Das Brusthaar des Muskelprotzes wuchert wild, das Haar auf dem Kopf ist ordentlicher geflochten als bei Heidi. Der starke Kerl auf dem Bild daneben trägt einen französischen Zopf; ein Typ im Unterhemd einen Julia-Timoschenko-Kranz. Unter dem Hashtag #manbraid haben sich auf Instagram seit diesem Herbst über 5000 Fotos von Männern mit mehr oder weniger kompliziertemm Flechtwerk auf dem Haupt angesammelt. Verglichen mit über drei Millionen Instagram-Frauenzöpfen ist das natürlich nichts. Durchs Internet ging trotzdem ein Raunen: Der Männerzopf wurde wahlweise energisch in die untragbare Hipster-Ecke gesteckt, oder als Nachfolger des Manbuns gefeiert, dem Dutt für Männer, der die Gemüter seit 2012 erhitzte wie keine andere Frisur seit dem Vokuhila. Ziemlich jede Modezeitschrift gab ihren Senf zum Manbun, wobei die Urteile zwischen »sexy Genghis Kahn« und »vorpubertärer Samurai« oszillierten.

Sicher ist: Männerhaare bewegen sich wieder Richtung Schulter. Sicher ist aber auch: der Trend provoziert. Während die wallende Männermähne über viele Jahrhunderte für hohe Stellung stand, dient sie heute oft als Grund für wilde Unterstellungen. Midlife-Crisis, Gesellschaftsausstieg, Aufmerksamkeitsbedarf, irgendein Problem gibt es vermeintlich immer. Lässt sich ein männlicher Promi die Haare wachsen, hat das großen
Nachrichtenwert: Im Sommer verursachte Matt Damons Pferdeschwanz internationalen Aufruhr, genauso wie Jared Letos Flechtzopf ein
paar Monate zuvor.

Es gibt natürlich Langhaarige außerhalb von Trend und Zeit: Heavy-Metal-Anhänger, Mittelalter-Nerds, Informatiker. Doch ob die Mähne
mit oder gegen den Trend wuchert, eins eint alle Kerle: Ihre Frisur ist mehr als eine Frisur. »Jeder Mann mit langen Haaren hat eine Geschichte,
einen Grund, ein Statement unter diesen Locken«, kann man etwa auf The Longhairs lesen, einer Plattform, auf der Langhaarträger ihre Geschichten und Probleme teilen (zum Beispiel: anerkennende Pfiffe von anderen Männern, die sie im Halbdunkeln für Ladys halten). Außerdem findet man dort Anti-Spliss-Tipps und Besprechungen von Haargummis.

Harte Kerle, die über Haargummis diskutieren? Was kurz befremdlich erscheint, ist genau die Mischung aus hart und weich, die heute von Männern erwartet wird. Wenn sie schon ermuntert werden, Elternzeit zu nehmen, sollten sie auch bei Flechttechniken mitreden dürfen. Es wird dauern – zehn Jahre, vielleicht 20. Aber dann wird keiner mehr darüber rätseln, was ein Mann mit seiner Rapunzelmähne sagen will. Sondern ihn einfach fragen, wie er diesen coolen Fischgräten-Zopf hinbekommen hat.

DIE GESCHICHTE DER MÄNNERMÄHNE:

20 n. Ch: Jesus ist der berühmteste Langhaarträger der Geschichte. Andere Männer tragen ihr Haar eher kurz.

Um 1600: In Europa spricht die Haarlänge für den Status des Mannes. Wer etwas auf sich hält, trägt Lockenperücken.

Ab 1960: Freie Liebe, freies Haar: wilde Haare sind der Ausweis von Beatniks, Hippies und anderen Querdenkern.

Ab 1980: Gelfrisuren und Iros lösen das lange Haar ab. Ausnahme: Grungebewegung mit Kurt Cobain an der Spitze.

Ab 2012: Männerhaar bewegt sich wieder in Richtung Schultern, siehe Jared Leto, Matt Damon, Orlando Bloom.

 

 

SEXY STRAMPLER (OKTOBER 2015)

EIN JUMPSUIT IST HOSE UND OBERTEIL ZUGLEICH – UND BALD SCHON EIN KLASSIKER

Noch vor ein paar Jahren weckte die Idee, eine duchgehende Kombination aus Hose und Oberteil zu tragen, Assoziationen mit Klempnern und Krabbelkindern. Die modische Variante des Jumpsuits hatte in Deutschland keinen richtigen Namen. Wem es gelang so ein Stück zu ergattern, wurde nicht selten zum „coolen Strampler“ gratuliert, oder zum “tollen Onesie” – was in Wahrheit ein Ganzkörper-Jogginganzug für Couchpotatoes ist. Nach solchen Komplimenten fühlte man sich dann auch wie ein phlegmatischer Kiffer, oder wie Riesenbaby, minus Windeln.

Heute kennt man das Modephänomen in Deutschland unter der Bezeichnung Jumpsuit. Wer ihn googelt, bekommt inzwischen weder Babys noch Handwerker in Blaumännern zu sehen, sondern unzählige Verweise auf Mode-Onlineshops. Die Jumpsuits, die dort verkauft werden, haben nichts mit Funktionskleidung zu tun: Sie haben Rückenausschnitte, Spitzeneinsätze oder betonen die Taille. Sie sind sexy. Subtil sexy, denn eine Frau im Jumpsuit kann einige Körperstellen offenlegen und hat dabei trotzdem die Hosen an.

Der frühere Exot ist nun ein Bestseller. Viele Händler, die Jumpsuits mal bei Kleidern, mal bei Hosen verortet hatten, haben nun eine eigene Kategorie für sie. Und die ist prall gefüllt: Allein bei Zalando kann man aus fast 800 unterschiedlichen Jumpsuits auswählen.

Der Ausstieg des Jumpsuits kam schleichend. Vielleicht war es Lena Dunham, die seit 2012als Hannah Horvath in der Kultserie “Girls” eine beachtlichen Menge an kurzen Jumpsuits vorführe. Sie bewies, dass Jumpsuits auch Körpern schmeicheln, die abseits der Modelmaße sind. Vielleicht waren es auch die Stars auf dem roten Teppich, die immer häufiger zum Jumpsuit griffen, um in dem Meer aus Roben aufzufallen. Oder das 70er-Jahre-Revival ist schuld. Das Jahrzehnt war die goldene Ära des glamourösen Einteilers. Schon damals fanden die Frauen, dass der Jumpsuit duch seine Wandlungsfähigkeit und Eleganz mehr mit dem Kleid als mit dem Blaumann verwandt war.

Inzwischen sind sich die Frauenzeitschriften einig: Der Jumpsuit werde langsam von einemstatement piece, auf Deutsch sowas wie ein Blickfänger, zu einem Basic, einem gut kombinierbarem Klassiker. Es ist also gut möglich, dass er nach dieser Hochkonjukturphase nicht von den Kleiderstangen verschwindet, sondern auf stabilem Kurs bleibt. Schließlich bietet er genau die richtige Mischung aus gut platzierter Freizügigkeit, Lässigkeit und Bequemlichkeit: Man muss ja nur ein Stück aus dem Kleiderschrank ziehen, ohne zu knobeln, was dazu passt.

Dass man mit einem Jumpsuit sofort angezogen ist, bedeutet im Umkehrschluss aber auch: Der Träger ist auch sehr schnell wieder nackt. Wer schon einmal um drei Uhr nachts auf einer Discotoilette hockte, betrunken und vor Kälte zitternd, weil das gesamte Outfit irgendwo zwischen den Kniekehlen hing, weiß das nur zu gut.

DIE GESCHICHTE DES JUMPSUITS:

1919: Der Maler Thayaht  erfindet das Tuta : Ein Unisex-Jumpsuit, der als revolutionär und anti-bourgeouis gilt.

1950er: Von Funktionalität zum Showbiz: Die Jumpsuits dieser Ära glitzern. Berühmtester Träger: Elvis Presley.

1970er: Das große Jahrzehnt des Jumpsuits bricht an: Je auffälliger der Print und je weiter der Schlag, desto besser.

1980er-2010: Es wird ruhiger um den Jumpsuit. Meistens taucht er in Sci-Fi-Filmen oder Cartoons auf. Zum Beispiel an April O’Neil aus Ninja Turtles.

Ab ca. 2012: Der Jumpsuit erobert den weg zurück nach oben. Vorreiterin der Bewegung: Hanna Horvath aus “Girls”

 

 

TOTE HIPSTER (AUGUST 2015)

DER MAINSTREAM HAT DEN HIPSTER EINGEHOLT – UND WIRD IHN ZUR STRECKE BRINGEN

Hier eine ziemlich gute Faustregel: Eine Subkultur hat ihren Zenit überschritten, wenn man ihr Outfit als Faschingskostüm kaufen
kann. Den Punk-Look, zum Beispiel, kann man bei kostüme.com für 44,95 Euro erwerben (im Set: Anarchy-T-Shirt und Hose im
Schottenmuster). Für 98 Euro gibt es bei Amazon ein Grunge-Outfit (Beanie plus Kleid mit industriell gefertigten Löchern). Auch abseits von Fasching sind die Fußgängerzonen-Punks und die Vorstadt-Cobains ein eher trauriger Abklatsch der einstigen Jugendbewegungen.

Neuerdings gibt es auch Hipster-Kostüme. Preis: 19,99 Euro. Allerdings sind darin nur ein künstlicher Vollbart und eine StruwelPerücke inbegriffen, die abgebildete Ray-Ban und das Holzfällerhemd muss man zusätzlich kaufen. Der Verdacht liegt nahe: Auch dem Hipster geht es seit einiger Zeit nicht gut.

Hipster: Niemand mag sie. Doch wenn man unsere Generation auf ein Bild reduzieren will, sind genau sie es: dürre Gestalten mit interessanten (Gesichts-)Haaren und dreifach ironisch gebrochenem Style. Eine richtige Subkultur waren die Hipster eigentlich nie – sie haben weder eine politische Einstellung, noch rebellieren sie. Sie begehren höchstens gegen den Mainstream auf, dem sie als gewiefte Konsumenten immer einen Schritt voraus waren.

Inzwischen sieht es aber so aus, als hätte sie der Mainstream nicht nur eingeholt, sondern sie sich mit Haut und Haaren einverleibt: Was auch immer sich die urbanen Individualisten
ausdenken (Eulenohrringe, Einhorn-T-Shirts, Musikkassetten-Ketten), ist ein paar Monate später in jeder Fußgängerzone erhältlich. Pizza Hut in London liefert seine Cocktails in einst so unkonventionellen Einweckgläsern. Bei DaWanda sind fast 9000 Artikel mit »Hipster« verschlagwortet.

Der Coolness-Kreislauf hat sich so beschleunigt, dass jeder Abgrenzungsversuch sofort bei Instagram zu Tode geteilt wird. Insiderwissen ist nicht mehr nötig – mit ein paar Klicks kann sich jeder Unternehmensberater die richtigen Szene-Codes zusammenshoppen.
Vom Untergang des Hipsters zu reden ist nicht neu: Schon 2010 veröffentlichte Mark Greif das Buch What was the Hipster? – für ihn
war der Hipster ein vergangenes Phänomen.

Seitdem wurde er regelmäßig, mal mehr, mal weniger gehässig, beerdigt: von der New York Times, dem Telegraph und selbst von der FAZ. Also gut: Er ist tot. Aber wie nennt man nun all die weltgewandten, modebewussten Menschen, die in Cafés mit unverputzten
Wänden Cold-Drip-Coffee trinken? Diesen Sommer schlug der Autor David Infante den Namen Yuccie vor: den Young Urban Creative.
Er ist eine Mischung aus dem gut verdienenden Yuppie und dem kreativen Hipster. Yuccies stecken nicht ihre ganzen Talente in Alleinstellungskonsum. Vielmehr heben sie sich ab, indem sie ihre Kreativität erfolgreich zu Geld machen.

Kohle haben ohne Bürojob und 70-Stunden-Woche: Das macht so schnell kein Berater nach. Clever shoppen reicht als Distinktionsmerkmal einfach nicht mehr aus.

DIE GESCHICHTE DES HIPSTERS:

1940er: Hipster oder Hepcats stehen auf Jazz und schwarze Kultur. »Hep« heißt so etwas wie»eingeweiht«

1950er: Beatniks, verwandt mit Hipstern, sind Nonkonformisten mit Hang zu Drogen, Literatur und Selbstfixierung

1960er bis 1970er: Als »Hippies« dissen Hipster jene, die ohne Ahnung von Jazz kiffen. Trotzdem werden Hippies populärer

2000: In Brooklyn tauchen die ersten Menschen auf, deren Lebensinhalt Gesichtshaarpflege und Ironie ist

2015: Bänker und Berater tragen Vollbart und Skinny Jeans. Der Nonkonformist ist ein Massenprodukt