SPIEGEL ONLINE | 06.11.2011 | Direktlink | PDF

Wiedersehen mit dem Lehrer

Ein Besuch beim Ex-Lehrer: Wie gelingt es bloß, in Würde vernünftig zu werden?

Jahre sind seit dem Abiball vergangen, viel ist passiert: Reisen, ein Studium, ein Auslandsjahr, der erste richtige Liebeskummer, eine Steuererklärung. Nicht Schülerin und Lehrer sitzen sich jetzt gegenüber und essen Napfkuchen, sondern zwei erwachsene Menschen.

Früher glaubte ich: Je mehr ich vom Leben und von der Welt gesehen habe, desto geringer müsse der Abstand zwischen Herrn Groß* und mir werden. Bis zu dem Punkt, an dem er aufhört, Vorbild zu sein, sondern ein ganz normaler Mensch mit ganz normalen Fehlern wird. Ich dachte, Deutschlehrer sind spätestens dann keine Vorbilder mehr, wenn die ehemaligen Klassenkameraden selbst welche geworden sind. Aber ich schaue immer noch zu ihm auf.

Im Laufe der Zeit schnitt sein Dialekt zwar immer mehr das Ohr. Die Decken seiner Wohnung schienen im Vergleich zu den Altbau-WGs, in denen meine Freunde und ich wohnen, niedrig, seine Stadt, die früher auch meine war, wirkte immer enger. Er lästert über Wirte, die das Genitiv-S in den Namen ihrer Kneipen apostrophierten. Er trägt Outdoor-Jacken, die ich peinlich finde. Er witzelt über Kinder-Yoga in Prenzlauer Berg mit Pointen aus dem Feuilleton.

Und trotzdem: Die Unfehlbarkeit mochte verschwunden sein, die Bewunderung ist geblieben. Ich werde das Gefühl nicht los, dass Herr Groß etwas weiß, was ich erst viel später – wenn überhaupt – begreifen werde.

Wir Mädchen waren gruppendynamisch in ihn verknallt

Herr Groß, der inzwischen längst Stefan geworden ist, ist Anfang 30. Wir waren damals die erste Klasse, die er zum Abitur geführt hat. Die Jungs schwänzten seine Stunden viel seltener als andere. Stefan gab jedem das Gefühl, dass wir, was immer wir wollen, auch schaffen können. Dass in jedem von uns etwas Großes keimt. Wir Mädchen waren gruppendynamisch in ihn verknallt. Teilweise mangelte es an alternativen Projektionsflächen, aber wir mochten auch seine schwarzen Locken – und er erklärte die Sache mit Effi Briest und Innstetten so flott. Wahrscheinlich glaubten wir auch nur, verknallt zu sein, weil wir kein anderes Wort dafür fanden, was wir fühlten: die Bewunderung für jemanden, der schon etwas geworden ist, und nicht wie wir im permanenten Entstehungsprozess war. Stefan war angekommen. Und er war zufrieden damit, wo er war. Er war damals alt genug, um mehr Ahnung von der Welt zu haben als wir, aber jung genug, um Worte zu finden, die sie uns verständlich machten. Er war ein Botschafter aus dem Erwachsenenreich – aus einer Welt, in der Taten echte Auswirkungen hatten und nicht nur Noten-Schatten warfen.

Aber auch nach dem Abitur blieben wir in Kontakt. Wir wurden parallel erwachsener, nur versetzt um eine Lebensstufe: Als ich aus meiner ersten WG auszog und eine Wohnung suchte, durchforstete er Immobilienanzeigen für ein Haus am Stadtrand. Ich war zum ersten Mal richtig verliebt, er heiratete. Ich machte Abschlussprüfungen, er einen Sohn.

Wie kann er nur mit diesem Leben glücklich sein?

Der wird bald ein Jahr alt. Er liegt auf dem Bauch auf seiner Steppdecke und rudert mit seinen Beinen und Armen, wie ein Käfer, den man auf den Rücken gedreht hat. Wenn Stefan das Kind auf den Arm nimmt, sieht es geübt und irgendwie richtig aus. Der Sohn pupst. Stefan erzählt den Tratsch aus dem Lehrerzimmer und dass er viel arbeitet. Abends muss er zwei Stunden pendeln, um zusätzlich Unterricht an einem Lehrerseminar zu geben. Seine blauen Augen sind rotgerändert, leuchten aber trotzdem. Wie so oft möchte ich ihn fragen: Wie schafft er das, diese innere Ruhe, diese Zufriedenheit? Wie immer schlucke ich die Frage runter, weil darin die Wertungwäre: Wie kannst du glücklich sein in diesem windstillen Leben, das mir nicht groß genug scheint? So als würde ich bitten: Bring mir bei, wie ich in Würde vernünftig werde und nicht mehr will als da ist. Als Schülerin habe ich nie verstanden, was Stefan in unserer Stadt mit einer Handvoll Buslinien hielt. Er hat eine beeindruckende Büchersammlung. Nach dem Abitur wollte er Medizin studieren, schrieb sich dann für Germanistik, Philosophie und Psychologie ein. Er reiste ein halbes Jahr durch Asien und später für ein Buchprojekt durch Nordamerika. Ein zweites Buch kam nicht. Er machte ein Referendariat und nahm eine Lehrerstelle an, nur 20 Kilometer vom Städtchen entfernt, in dem er aufwuchs. Er heiratete seine Jugendliebe; im Urlaub fahren sie ins Allgäu.

Ich wusste, dass jeder seine eigenen Ziele hat. Und trotzdem fragte ich mich: Ist es Freiheit, nicht von allen Optionen Gebrauch zu machen, oder Feigheit?

Ich bin froh, dass ich diese Frage bisher nicht ausgesprochen habe. Inzwischen kommt mir meine totalitäre Großstadteuphorie von vor wenigen Jahren anmaßend vor. Ich legte eine Arroganz an den Tag, die man vermutlich nur kurz nach der Schule haben kann, im Glauben, man habe das einzig wahre Leben. Inzwischen verstehe ich, dass ich Bedürfnisse und Wünsche entwickeln werde, die mir jetzt sehr abwegig vorkommen. Ich gucke Stefans Sohn an. So wie ich ein Eichhörnchen angucken würde oder einen Seeigel. Ich finde ihn niedlich, aber ziemlich uninteressant. Gleichzeitig weiß ich: In ein paar Jahren werde ich es genauso wenig wie Stefan abwarten können, andere mit Geschichten über Schnupfen zu langweilen.

Und dann frage ich doch.

Warum weckte er diesen Hunger in uns Schülern, der nie gestillt werden kann? Warum impfte er uns damals dieses Streben nach Mehr ein, diese Überzeugung, dass wir zu etwas Besonderem bestimmt sind? Obwohl er doch das beste Beispiel ist, dass Zufriedenheit nichts mit Abschlüssen und Preisen zu tun hat, sondern mit der Gabe, zufrieden zu sein. Fast warte ich darauf, dass er es abstreitet. Dass er sagt, dass er uns nie so eine Nachricht mitgeben wollte. Aber dann lächelt er.

Mit Anfang 20 sollten wir glauben, dass die Welt uns gehöre – weil es uns ansporne, weiterzumachen und mehr zu lernen, sagt er. Im Optimalfall so lange, bis wir kapierten, wie falsch wir damals gelegen hätten. Und was die Unzufriedenheit angehe: Wer die ganze Zeit müde sei, weil er das Gefühl nicht los werde, das Wettrennen gegen das Leben zu verlieren, müsse den Fehler nicht bei sich selbst suchen. Vielleicht renne er einfach schneller als andere. Manche müssten sich damit zufriedengeben, dass sie nie zufrieden sein werden. Sie müssten über ihre Unzufriedenheit sogar glücklich sein.

Und wer bringt einem bei, stehen zu bleiben? Das komme von allein, sobald man seinen Platz im Leben gefunden habe, sagt Stefan. Manche fänden ihn früher, manche später. Und dann stelle sich die Frage nicht mehr: Wie schafft man es, nicht mehr vom Leben zu wollen? Denn dann bist du einfach da, sagt Stefan. Und es ist gut.

In Stefans wohligem Wohnzimmer mit seinem schnaufenden Sohn scheint mir ein Haus am Stadtrand und Napfkuchen tatsächlich keine so schlechte Option. Ich habe zwar immer noch Angst vor den eigenen Ansprüchen, trotzdem bin ich ruhiger.

Als ich mich verabschiede, erzählt Stefan, dass er wieder für einen Verlag tätig ist. Dann fragt er nach einem Klassenkameraden. Ich erzähle, dass er gerade in Laos ist. Laos, sagt Stefan, ja, da wolle er schon immer gern hin. “Aber Allgäu, Allgäu ist doch auch schön.”