DIE ZEIT | 09.06.2016 | PDF

Voll allein

Einen tropischen Traumstrand für sich allein haben – geht das überhaupt? Die Costa Verde in Brasilien hat 400 Kilometer Küste und 300 Strände. Wo sollte er sein, wenn nicht hier?

Vielleicht hat mich die Bounty-Werbung versaut. Ich war noch ein Kind, als ich sie zum ersten Mal sah: Auf dem Bildschirm spazierten ein Mann und eine Frau über Puderzuckersand, rekelten sich unter Kokospalmen und tauchten durch einsame Korallenriffe – an einem Traumstrand, der ihnen offenbar ganz allein gehörte. Ich hingegen wohnte in einem vollgestopften zwölfstöckigen Plattenbau in Russland. Es war Januar, Minusgrade im zweistelligen Bereich. Der Strand ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Er zog mit mir um in eine deutsche Reihenhauszeile.

Wer in einem Land lebt, in dem der Sommer drei Monate währt und in vollen Freibädern an einem vorüberzieht, bleibt für die Sehnsucht nach einsamen Stränden anfällig. Nur fehlten mir für ihre Erfüllung die nötigen Mittel. Weder hatte ich einen Privatjet zur Hand, um auf eine entlegene Insel zu fliegen, noch eine Geheimkarte wie die Traveller aus The Beach. Stattdessen lag ich also meist auf meinem Handtuch neben sonnenverbrannten Amerikanern und Europäern, in unseren Rucksäcken der gleiche Reiseführer. Das alte Problem: Sobald ein Strand als “unberührt” gepriesen wird, ist er’s nicht mehr. Irgendwann glaubte ich nicht mehr an meinen Traum.

Bis ich nach São Paulo zog, nach Brasilien, in das Land mit der vielleicht schönsten tropischen Küste der Welt. Und sind die Brasilianer nicht das Volk, dem in Sachen Strand niemand etwas vormachen kann? Außerdem hatte ich Giuliana kennengelernt, eine kleine, lebendige Brasilianerin, katzengrüne Augen und den Kopf voller Locken. Giuliana stammt von der Costa Verde, dem etwa 400 Kilometer langen Küstenstreifen zwischen Rio de Janeiro und São Paulo. An die “grüne Küste” schmiegen sich mehr als 300 Strände, viele nur zu Fuß oder mit dem Boot erreichbar, denn der atlantische Regenwald, die Mata Atlântica, hat Brasiliens Ostküste fest im Griff. Ich schöpfte neue Hoffnung: Sollte es ihn doch geben, meinen Strand? Lag er hier versteckt, irgendwo im tropischen Dickicht?

Es ist Mai, milde 25 Grad, als ich mich mit Giuliana auf die Suche mache. Ich verordne uns ein Reiseführer- und Google-Verbot. Stattdessen wollen wir uns ganz auf die Tipps von Einheimischen verlassen. Giuliana beginnt schon vor der Reise damit, in Amphetamin-Geschwindigkeit Optionen herunterzurattern. Ich schneide ihr das Wort ab: “Zeig mir einfach den schönsten”, sage ich. “Zeig mir ein brasilianisches Paradies.”

“Dann fangen wir in Maresias an”, sagt sie und grinst.

Mit einem Mietwagen verlassen wir das betongraue São Paulo und fahren zwischen leuchtend grünen Hängen voller Palmen und Ameisenbäume Richtung Osten. Hinein in den Küstenbezirk São Sebastião, zu dem Maresias gehört. Als wir an einem Parkplatz halten, kommen mir erste Zweifel: Seit wann haben Paradiese Parkplätze? In Maresias gibt es außerdem einen Caipirinha-Stand, der Kreditkarten akzeptiert, Restaurants, die Sushi verkaufen, und Strandduschen aus Chrom. Zwar ist der Sand tatsächlich so sauber, als wäre er frisch gefegt, und das Wasser schimmert reiseprospektblau. Aber ringsum baden, surfen und bodyboarden Hunderte. Giuliana grinst erneut: “Du wolltest einen brasilianischen Traum, hier hast du ihn. Das Bier ist kalt, die Menschen sind heiß und flirtbereit.” Tatsächlich sehen alle so schön aus, als hätte ein Türsteher sie selektiert: lauter gebräunte Körper, in denen viel Arbeit steckt.

Immerhin, der Trubel bringt mich auf einen Gedanken: Wenn alle Brasilianer liebend gern an Orten wie diesem zusammenkommen – vielleicht bleiben dann die leeren Strände leer?

Ich schaue mich um, bis ich jemanden entdecke, der wirkt, als hätte er Strandkompetenz: den sonnengegerbtesten Rettungsschwimmer von Maresias. Er putzt gerade sein Strandquad, als ich ihn nach einem paradiesischen Strand frage. “Du bist doch schon im Paradies”, antwortet Vladimir Martinez. “Sieh dich um: Keine einzige Frau hat Cellulitis.” Ich erkläre ihm, dass ich einen unbevölkerten Strand suche – und werde in seinen Augen zu einer bemitleidenswerten Gringa. Zwei Dinge, sagt Martinez, habe er über westliche Touristen gelernt: “Ihr habt als Einzige ein Buch dabei, und ihr findet es überall zu voll. Warum geht ihr überhaupt an den Strand? Genauso gut könntet ihr euch in eurem Zimmer einschließen.” Einen Tipp gibt er mir trotzdem: Praia do Bonete auf der Insel Ilhabela, die etwa 20 Kilometer östlich von hier der Costa Verde vorgelagert ist. Der Strand liege neben einem abgeschiedenen Fischerdorf – von dort aus sollten wir uns weiter durchfragen.

“Das Meer hat einen Kater”

Als wir zum Auto laufen, erklärt mir Giuliana: “Was du suchst, wird bei uns praia dos maconheiros genannt, ‘Kifferstrand’.” Die meisten Brasilianer aber wünschten sich den Strand nun mal wie eine Bar: “Nur wenn es voll ist, ist es richtig gut. Und wenn man nebenbei über die Hintern der anderen lästern kann – noch besser.”

Von der Küstenstraße aus wirkt Ilhabela wie ein gigantischer bemooster Stein. Die Berge der Insel sieht man, lange bevor man die Fähre erreicht. Sie sind – mit bis zu 1.300 Metern – die höchsten der brasilianischen Küste und unglaublich grün: Die Mata Atlântica überwuchert die Insel fast ganz. Nach einer halben Stunde auf der Fähre erreichen wir gegen Abend den Anleger Ponta da Sepituba im Südwesten der Insel. Hier wollen wir morgen ein Boot zum Bonete nehmen.

Am nächsten Tag ist die See unruhig. “Das Meer hat einen Kater”, sagt der Brasilianer dazu. Kein Boot läuft aus. Also muten wir uns den vierstündigen Wanderweg zu. Der Wald ist so dicht, dass wir das Wasser nicht sehen, nur sein Rauschen hören: Wir laufen durch einen grünen Tunnel mit dem Soundtrack des verkaterten Ozeans im Ohr. Die Baumstämme sind von Efeu bedeckt, gigantische Bromelien thronen auf den Ästen. Einige Pflanzen kenne ich von der Fensterbank im Büro, nur sind sie hier 20-mal so groß. Wir ducken uns unter Lianen, stolpern über oberschenkeldicke Wurzeln, queren drei Wasserfälle auf Hängebrücken, kraxeln Hänge hoch und wieder runter und wieder hoch. Als der Wald sich lichtet, etwa 300 Meter über dem Meer, scheint das Wasser unter uns eine noch intensivere Farbe zu haben als gestern. Ist es so, weil es den Regenwald reflektiert? Oder weil zehn Kilometer Wanderung jedes Reiseziel schöner erscheinen lassen?

Auf einem schmalen Pfad steigen wir hinab. Bonete sieht aus, als hätte sich die Natur um einen Fünfsternestrand bemüht. Es gibt eine Süßwasserquelle, um das Salzwasser abzuduschen. Die Sandkante ist gesäumt von ausladenden Seemandelbäumen, die perfekten Schatten spenden und in Brasilien deshalb “Sonnenhüte” genannt werden. Nur einen kleinen Makel hat das Bild: Zwei andere Touristenpärchen sind auch schon da. Egal jetzt! Wir reißen uns die Wanderschuhe von den Füßen, stürzen ins Meer, und als wir aus dem Wasser kommen, hocken vier Männer in Flipflops und Socken unter den Seemandelbäumen. Sie sind Caiçaras, Nachkommen von Indianern, Portugiesen und Afrikanern, die seit Generationen an der Küste siedeln. Wie ihre Vorfahren fischen die vier Männer in selbst gebauten Booten. “Welcher Strand ist hier der einsamste?”, fragen wir. Alle vier zucken mit den Schultern und verweisen uns an Benedito Peres, den mit 91 Jahren dorfältesten Fischer.

Als wir an Peres’ Haus ankommen, dunkelt es bereits. Zusammengelegte Fischernetze, die auf dem Rasen trocknen, glänzen wie Schneehaufen. In einer Hängematte schaukelt ein Huhn. Peres’ Tochter kocht Bohnen und sagt, wir sollten morgen wiederkommen: Zwischen 18 und 23 Uhr sei Peres’ heilige Fernsehzeit, da es nur dann Strom gibt in Bonete. Die knapp 100 Häuser des Dorfes, darunter sieben Pensionen und acht Restaurants, werden von einem einzigen Generator versorgt.

Am nächsten Tag empfängt uns Peres in seiner kargen, blank gescheuerten Küche, auf deren kleinem Tisch eine Schüssel reifer Avocados steht. Er hat einen festen Händedruck, aber ein wackeliges Gedächtnis, was etwa die Anzahl seiner Enkel angeht (“zu viele”) oder der Schulklassen, die er besucht hat (“zu wenige”). Für meine Sehnsucht nach unberührten Orten hat er wenig Verständnis. Er liebe Supermärkte und Celebrity-Sendungen und verstehe nicht, warum Menschen sich Mühe gäben, einen Ort zu suchen, an dem es kein Klo gebe. Das Meer, so viel könne er uns versichern, sei an anderen Stränden auch nicht schöner. Aber wir könnten mit einem seiner Enkel an Ilhabelas Küste entlangschippern und Ausschau halten. Sein Rücken halte das Geschaukel nicht mehr aus.

Auch meiner macht mir bald Sorgen. Denn wir haben kein Glück: Das Meer ist zwar etwas ruhiger als gestern, aber das Boot springt trotzdem so hoch in den Wellen, dass es uns in die Wirbelsäule fährt. Giuliana krallt sich mit weißen Knöcheln an die Reling. Ihr Blick sagt: Wenn du weiterhin eine Reisegefährtin haben willst, dann war es das für heute! Also brechen wir die Strandexpedition ab und lassen uns stattdessen nach Ponta da Sepituba bringen.

Zurück auf dem Festland, fahren wir weiter Richtung Osten. Viele Strände verwerfen wir schon vom Autofenster aus: Liegestühle, Schirme, Menschenmassen. Aber später, als Nebel aufkommt und die Straße sich geheimnisvoll durch grüne Hügel schlängelt, fasse ich neuen Mut. Ich frage mich bei Maisverkäufern und Bananenhändlern durch, an Tankstellen, Imbissen, bei Surfern. Die meisten halten mich zwar für bekloppt. Aber es gibt auch welche, die mich zu verstehen scheinen. Im Stillen verdächtige ich sie, mir die besten Orte zu verschweigen. Jedenfalls haben alle Strände, die mir empfohlen werden, einen Haken: Bonete Pequeno in der Region Ubatuba ist zwar gemütlich klein und bis auf einen Imbissstand unter Reetdach unbebaut. Allerdings nehmen die Stühle und Gäste des Imbisses den halben Strand ein. Und Bonete Grande, der große Bruder des kleinen, ist gesäumt von Häusern und Bars.

Nachts hört man keinen Menschenton

Von den Stränden der Region klingt Praia do Cedro am verheißungsvollsten. Um dorthin zu kommen, müssen wir eine halbe Stunde durch den Regenwald stiefeln. Der Weg ist so steil, dass wir uns oft an den Seilen festhalten müssen, die entlang eines Pfades gespannt sind. Dafür belohnt der Blick von oben: In einem Rahmen aus Laub und Palmenblättern sieht man Meeresschaum, so weiß wie Druckerpapier, eine menschenleere Sandkante – und keine Häuser weit und breit.

Cedro ist tatsächlich unbebaut, von einer zugenagelten Hütte einmal abgesehen. Die Wasserkante ist von einem Muschelstreifen gesäumt, gleich hinter den Sonnenhut-Bäumen beginnt der Regenwald, so dicht und insektenlaut wie in der Serie Lost. Es gibt sogar Kokosnusspalmen. Dummerweise ist Wochenende, und kaum haben wir den Strand erreicht, kommen andere Wanderer nach, zum Teil in Reisegruppenstärke. Trotzig springe ich ins Meer. Und frage mich, ob ich eher die wandernde Konkurrenz oder meinen einsamen Plan verfluchen soll.

Wir fahren weiter, über die nächste Provinzhauptstadt Paraty hinaus. Kein einziger Strand entlang der Strecke entspricht meinem Traum. Aber solange ich einen Trampelpfad unter den Füßen habe und ein neues Ziel vor den Augen, suche ich unermüdlich weiter. Beim Wandern sehen wir einen Ameisenhaufen, der mir bis an die Rippen reicht, ein Eichhörnchen, das versucht, ein Loch in eine Kokosnuss zu nagen, und viele wilde Orchideen.

Wir haben bald 600 Kilometer auf dem Tacho und 50 in den Oberschenkeln. Ich trage 37 Mückenstiche, Giuliana 53. Im Kopf kann ich die vielen Strände kaum noch auseinanderhalten. Aber der Weg zu ihnen bleibt im Gedächtnis: der Sonnenuntergang über den Hügeln, vom Autofenster aus gesehen – lila gefärbte Wolken wie Kleckse von Heidelbeerjoghurt. Der kleine Wasserfall, in dem wir unterwegs den Wanderschweiß abduschen konnten. Der süßlich-verrottete Duft des Regenwalds, der in der feuchtheißen Luft liegt wie ein Saunaaufguss.

Fünf Tage nach unserem Aufbruch kehren wir um in Richtung São Paulo, ohne meinen einsamen Traumstrand gefunden zu haben. Ich bettele, an weiteren Orten anzuhalten. Kurz bevor ich den letzten Rest Hoffnung verliere und Giuliana die Geduld mit mir, lernen wir Roberto da Silva kennen.

Da Silva ist ein riesiger Mann mit einer kleinen Plauze und starken Beinen. Wir treffen ihn auf einem Parkplatz bei Praia Ponta da Aguda, irgendwo zwischen Ubatuba und Ilhabela. Er lädt gerade sein Handy im Wärterhäuschen auf. Zu Hause, sagt er, habe er weder Elektrizität noch Nachbarn, keine Zivilisation weit und breit. Ich werde hellhörig. Hier ist offenbar ein Mann, der etwas von Einsamkeit versteht. Auch von einsamen Stränden? Er bietet an, uns einen in der Nähe seines Haus zu zeigen.

Die Piste dorthin führt durch den Wald und ist kaum passierbar. “An vollen Tagen sind zwei Dutzend Leute am Strand”, sagt da Silva. “Aber manchmal taucht den ganzen Tag über niemand auf. Nachts hört man keinen Menschenton, nur das Meeresrauschen und die Insekten, und den Sand, der unter deinen Füßen pfeift.”

Da Silva hat die Erwartungen so hoch geschraubt, dass wir beim Anmarsch fast die Luft anhalten. Aber dann – darf es wahr sein? – sehen wir als Erstes drei Fischer am Rand des Strands in einer Süßwasserlagune angeln. Wieder nichts!? Immerhin, wenn ich ihnen den Rücken zudrehe, kann ich mich ein wenig wie in der Bounty-Werbung fühlen. Praia da Lagoa hat weder Hütten noch Duschen, nicht einmal ein Hinweisschild für Camper. Zwei Geier weiden einen silbrigen Fisch aus, ansonsten – Stille. Der Sand ist weiß und ohne Fußabdrücke, der Ozean ein türkisfarbenes Tuch mit grünen Insel-Klecksen darauf. Die Mittagshitze liegt schwer in der Luft. Wir legen uns in den Sand, ich schließe die Augen, döse ein.

Als ich die Augen wieder öffne, sind die Fischer weg. Ist das jetzt Traum oder Wirklichkeit?

Giuliana ist inzwischen zu da Silvas Haus gelaufen, um mir meinen Moment zu lassen. Ich setze meine Fußstapfen in den jungfräulichen Sand. Mache ein Foto und dann einen Radschlag. Schreie ein bisschen, einfach weil ich es kann. Renne zweimal hin und her. Schmeiße mich ins Wasser. Überlege, mich auszuziehen, aber das ist mir dann doch etwas zu hippie. Ich esse mein letztes Brot und trinke mein letztes Wasser.

Ich bin am Ziel.

Doch dann fällt mir nichts mehr ein. Und ohne die Fischer und Giuliana wird mir sogar ein bisschen mulmig zumute. Wenn jetzt etwas passiert – ein Schlangenbiss, ein Fußkrampf im Ozean –, wer käme zu Hilfe?

Der einsame Strand: Auf den ersten Blick ist er wunderbar, auf den zweiten fast langweilig. Vielleicht musste mein Traum erst in Erfüllung gehen, um sich endlich in Luft auflösen zu können. Vielleicht kam es auch gar nicht so sehr darauf an, einen menschenleeren Strand zu finden,als vielmehr ihn zu suchen. Die Suche jedenfalls war fantastisch – und ohne meine fixe Idee hätte ich mir die ganze Mühe nicht gemacht.

Als Giuliana endlich zurückkommt, laufe ich ihr sogar entgegen. Ich habe Durst, sagt sie. Ich auch, beeile ich mich zu antworten. Lass uns gehen?