NEON | 15.06.2014 | PDF

Wasser marsch!

Synchronschwimmen: Ist das nicht diese sehr merkwürdige Nassgymnastik? In den USA hat eine Gruppe junger Frauen daraus einen glamourösen Sport gemacht. Unsere Autorin hat ihn ausprobiert.
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Foto: Katie Orlinsky

Unter meinen Alpträumen gibt es zwei Klassiker. Nummer eins: Wichtiger Auftritt, die Musik setzt ein, und ich bin die Einzige, die die Choreografie nicht kennt. Nummer zwei: Ich bin unter Wasser und ertrinke. Ich fürchte, meine Träume werden gerade wahr. Einsatz verpasst, zu spät untergetaucht, schon habe ich eine Ferse im Gesicht. Chlorwasser füllt Nase, Mund, Ohren. Wo ist oben? Wo ist unten? Stecken meine Brüste noch im Badeanzug?

Mein Körper schreit nach Luft. Mein Körper will seine Lungen aushusten. Mein Körper muss Klappe halten. Das Schwierigste amSynchron-schwimmen, habe ich verstanden, sind nicht die Schrauben und Hebefiguren. Das Schwierigste ist das Nicht: nicht hochtauchen, selbst wenn deine Lunge platzt; nichtaufhören zu lächeln, wenn der Fuß krampft; nicht dein Frühstück auskotzen.

Es ist kurz nach zehn Uhr morgens in Los Angeles. Das Thermometer neben dem Freiluftpool des Annenberg Community Beach House zeigt vierzehn Grad. Der Wind, der vom Pazifischen Ozean herüberweht, sorgt dafür, dass es sich auf der nassen Haut anfühlt wie drei. Ich probe zum ersten Mal mit den Aqualillies, die hier in ein paar Stunden einen Auftritt haben. Aus den Boxen dröhnt ein Elvis-Remix. Ich habe es mir sehr anders vorgestellt.

Die meisten Menschen kennen Synchronschwimmen nur von langen Olympianachmittagen und die Aqualillies vor allem aus Videos: mit Sebastien Tellier, Justin Bieber oder Nicki Minaj. Sie sind die Showgirls des Swimmingpools, sie tanzen im Pool und um den Pool herum, sie tragen sehr schicke Schwimmkostüme und knallroten Lippenstift und hören niemals auf zu strahlen. Ein Spagat kopfüber im Pool sieht in diesen Videos nicht aus wie eine akrobatische Leistung, sondern wie der größte Spaß, den man haben kann, Badekappen und Nasenklammern wie ziemlich hotte Accessoires.

Wer mit den Aqualillies schwimmt, erwirbt Glamour und Körperbeherrschung, so habe ich mir das gedacht. Freundlicherweise darf ich mittrainieren bei dem »glamourösesten Synchronschwimmteam der Welt«. Diesen Titel haben sie sich selbst gegeben, die Presse schnappte ihn bereitwillig auf. Die Aqualillies sehen aus, wie ich mir echte California-Girls vorstelle. Sie sind Frauen, die das ganze Jahr über eine ebenmäßige Bräune haben, makellose Pediküre und nie Winterspeck – weil es in Los Angeles keinen Winter gibt. Frauen, die sich mit der Geschmeidigkeit von Menschen bewegen, denen oft hinterhergeguckt wird, und die sich in Pose werfen, sobald eine Kamera in der Nähe ist.

Ich bin eine Frau, die auf jedem Foto aussieht, als würde sie vom Fotoapparat erschossen. Ich habe einen Großstadtkörper, dessen Muskeln höchstens im Kampf um einen Sitzplatz in der U-Bahn trainiert werden. Ich bräune nicht. Ich röte, ich sommersprosse – bestenfalls gelbe ich. In den Ausnahmefällen, in den ich Lippenstift benutze, landet der Großteil auf meinen Zähnen. Ich bin froh, wenn ich zwei Bahnen kraule, ohne abzusaufen.

Kann man so jemandem in zwei Tagen beibringen, eine glamouröse Meerjungfrau zu werden? »Die meisten von uns machen Synchronschwimmen, seit sie Kinder sind«, sagt Mary. Offensichtlich weicht sie meiner Frage aus. Mary ist 27, seit 2009 tritt sie mit den Aqualillies auf, gleichzeitig ist sie die Schwimmtrainerin des Teams. Sie hat eine blonde Lockenmähne und Zähne, weiß wie teures Druckerpapier, die sie oft und gern zeigt. Neben Badeanzügen trägt sie beruflich gestärkte Blusen: Mary ist Juristin. Sie hat als Sechsjährige mit dem Synchronschwimmen begonnen.

Ich habe Synchronschwimmen zum ersten Mal vor zwölf Stunden gemacht. Mithilfe eines Computers, den ich mir neben die Hotelbadewanne gestellt hatte, um Youtube-Tutorials zu üben. Die acht Aqualillies, die jetzt mit mir im Pool sind, zeigen sich trotzdem enthusiastisch, mich zu einer von ihnen zu machen. Sie sind PR-Profis, Journalisten werden mit offenen Armen empfangen. Alle sind nett zu mir. Alle lächeln freundlich. Andererseits: Sie haben auch gelächelt, als sie in einem Aquarium mit Haien und Justin Bieber schwimmen mussten.

Bei den Tanzeinlagen an Land, zu Beginn der Proben, habe ich mich noch ganz gut geschlagen, auch wenn ich öfter ermahnt wurde, die Hüften ein bisschen lockerer kreisen zu lassen. Aber im Wasser habe ich die Grazie einer nassen Windel. Hechtsalto rückwärts? Doppelballettbeintauchboot? Was? Und das alles in derselben Millisekunde wie der Rest der Frauen – sofern ich mal mitbekomme, was die gerade tun.

Also soll ich mich erst mal an den »Crowd-Pleasern« versuchen: einfachen Tricks, die Zuschauern viel Applaus entlocken. Posieren, Haare aus dem Wasser werfen, zusammen mit den anderen am Poolrand nacheinander Beine überkreuzen – ein Dominoeffekt aus Schenkeln. Die Aqualillies bestehen nicht darauf, als Sportlerinnen wahrgenommen zu werden. Sie sind sich der Wirkung von Frauen in Badeanzügen bewusst. Sie zelebrieren schöne Körper im Wasser. Sie werfen Kusshände. Sie sind athletische Entertainerinnen. Sie verdienen damit gutes Geld.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte die australische Schauspielerin Annette Kellerman in einem New Yorker Ausstellungsaquarium die Welt mit Tanz unter Wasser bekannt. In den Vierzigern wurde die Schwimmerin Esther Williams mit ihren Aquamusicals und aufwendigen Choreografien zum Hollywoodstar.

Gleichzeitig entwickelte sich Synchronschwimmen zum Leistungssport und wurde 1984 olympisch. Deutschland hat in der Disziplin noch nie eine Medaille gewonnen. Als Team holten amerikanische Synchronschwimmerinnen einmal Gold, außerdem waren sie jeweils zweimal im Duett und Solo erstplatziert. Seit 2000 regieren die Russinnen.

Unterhaltungsbranche, es sind Schauspielerinnen und Berufstänzerinnen dabei, aber auch Studentinnen, Lehrerinnen und Fitnesstrainerinnen. Für alle ist das Synchronschwimmen ein wichtiger Nebenjob, Alysha erzählt mir, dass sie im Sommer manchmal mehrere Auftritte pro Woche hat und damit den Hauptteil ihres Einkommens bestreitet.

Kurz vor 13 Uhr hat sich das Annenberg House mit Zuschauern gefüllt. Ich sitze am Poolrand und gucke zu. Neben mir sitzt Mesha Kussman, sie ist die Gründerin und Kreativdirektorin des Teams. Die Musik setzt ein. Die Aqualillies führen ihre Körper zu geometrischen Figuren zusammen: Stern, Quadrat, Kreis und mittendrin eine Hebefigur mit einem Spagat. Die Illusion der Leichtigkeit ist wieder da. Ich vergesse sofort das Frieren, Schuften und Wasserschlucken. Das ist Lebensfreude! Das ist Leichtigkeit! Es ist – ein weniger schwülstiger Ausdruck fällt mir nicht ein – Poesie des Körpers. Und es ist nach zehn Minuten vorbei.

Mesha – 35 Jahre alt, High Heels, schwarzer Bob – ist zufrieden. 2008 gründete sie die Aqualillies. Sie erzählt, dass sie in New York Experimentelles Theater studiert hat. Erfahrung mit dem Synchronschwimmen hatte sie keine, bevor sie nach Los Angeles zog. In Kalifornien fielen ihr Bühnen auf, die bis dahin keiner genutzt hatte – die Swimmingpools. »Sie standen im Zentrum jeder Party, sie waren perfekt ausgeleuchtet«, sagt Mesha. »Und sie waren leer.«

Mehr als 40 000 Pools gibt es schätzungsweise in Los Angeles. Man sieht sie schon aus dem Flugzeug: blaue Rechtecke, Kreise, Nieren. 40 000 freie Bühnen. Vielleicht musste erst eine Außenstehende wie Mesha darauf kommen, sie mit Wasserakrobatik zu bespielen. Monatelang fuhr sie von Wettbewerb zu Wettbewerb und sprach Mädchen an, die nicht nur Talent hatten, sondern auch »dieses gewisse Etwas«. Zusammen mit ihnen verpasste sie dem Sport einen dicken Anstrich Retroglanz, sie holte Synchronschwimmen wieder in die Zeiten, als es noch schillerndes Wasserballett war. Auch wenn sie damit einen Trend angeschoben hat, sagt Mesha, man dürfe den Hype nicht überschätzen: »Synchronschwimm-Unterhaltung ist eine kleine Nische.«

In dieser Nische haben sich die Aqualillies so breitgemacht wie möglich. Inzwischen haben sie Teams in San Francisco, New York, Miami, Las Vegas und Toronto – mit insgesamt 110 Frauen. Ihre fünfzig verschiedenen Bühnenkostüme werden ihnen von Bademodenherstellern gestellt, die sich darum reißen, sie zu sponsern. Es gibt sogar eine Aqualillies-Kosmetiklinie für wasserfestes Make-up.

»Wir sind die Prada-Taschen des Synchronschwimmens«, sagt Mesha, und entsprechend diskret geht sie mit der Frage nach den Gagen um. Je nach Zahl der gebuchten Aqualillies und speziellen Kunden wünschen werden für einen Auftritt Beträge mit drei bis vier Nullen verlangt. Eine Fotosession mit den Gästen ist inklusive. Privatleute buchen die Aqualillies für Hochzeiten; Hotels buchen sie, um Gäste in die Pools zu locken; die Firma Sony buchte sie, um ihr wasserfestes Telefon vorzustellen. Vermutlich wäre es billiger, eine lokale Synchronschwimmmannschaft anzuheuern. Aber die Kunden zahlen gern für die Marke Aqualillies. Und auch deren Synchronschwimmkurse für Laien sind gut besucht.

Genau zu so einem Kurs werde ich am nächsten Tag geschickt. Hier lerne ich Grundtechniken wie den »Eggbeater«, bei dem die Beine rotieren wie Rührbesen im Mixer, um den Oberkörper über Wasser zu halten. Meine Mitschülerinnen sind IT-Managerinnen, Werberinnen, Pensionärinnen. Was sie hierher gebracht hat? »Das Wasser kennt kein Alter«, sagt Jenna, sechzig Jahre alt. »Im Wasser bin ich schön. Schwerelos.«

Erst später, beim Einzeltraining mit den Aqualillies Mary und Catherine, fange ich an zu verstehen, was Jenna damit gemeint hat. Mary erwähnt kurz ihren Muskelkater von gestern, strahlt aber wie eh und je. Catherine, 24, schwamm früher bei Nationalwettbewerben mit. Sie ist eine Aqualilly der ersten Stunde – eine der Ersten, die Mesha entdeckte. Heute arbeitet Catherine als Talentscout für einen Videospielhersteller.

Catherine und Mary bringen mir eine kleine Choreografie bei und eine Art elegante Rückwärtsrolle. Ich kriege es sogar hin, mein Bein aus dem Wasser zu strecken. Kopfüber! (Solange ich mich dabei unlilienhaft an der Poolleiter festhalte.) Auch das mit dem Glamour klappt ein bisschen besser als gestern.

Ich werde nie eine Frau sein, die durch ihr bloßes Dasein im Badeanzug Blicke auf sich zieht wie überreife Bananen Fliegen. In meinem Fall bräuchte es mindestens eine Arschbombe. Aber zumindest sehe ich beim Haare-aus-dem-Wasser-Werfen nicht mehr aus wie ein Hund, der sich schüttelt.

Beine übereinander schlagen: Check. Elegant aus dem Pool steigen: Check. Fehlt nur noch das Posieren. Also Nasenklammer und Badekappe aus. Bauch einziehen. Schulterblätterzusammen. Hüfte herausstrecken, bis es wehtut. Ein Gesicht aufsetzen, das suggeriert, dies sei mein natürlicher Körperzustand. Und jetzt das Ganze unter Wasser. Luft raus. Untertauchen. Meine Haare bewegen sich im Wasser wie Anemonen. Die Welt oberhalb des Pools ist ganze leise, weit weg, egal. Die Beine und Arme fühlen sich an, als wären sie nicht da. Ich bin schwerelos.

Wenn ich jetzt noch vergessen könnte, dass das Chlor mir gerade die Augen aus dem Schädel zu ätzen scheint – dann würde ich mich in diesem Moment wirklich wie eine Meerjungfrau fühlen.